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NEUE
JAHRBÜCHER
FÜR
PHILOLOGIEundPJEDAGOGIK,
oder
Kritische Bibliothek
für das
Schul- und Unterrichtswesen.
In Verbindung mit einem Vereine von Gelehi'ten
herausgegeben
von
Dr. Gottfried Seebode^ M.. Johann Christian Jahn
and
Prof. Reinhold Klotz.
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t d. BibiTottiok desj -Gymnojluim,
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Kritische Beurtheilungen.
Phaedri Atigusti lih erti fabiilae Aesopiae. Pilraa ed. critica cum integra varietate codd. Pithoeaui , Remensis, Da- nlelini, Perottini et editionis principis, reliqua vero selecta. Ac- cedunt Cßesßris G er niaiiici Ar ate a ex jQde codd. Basil, Bern. Einsiedl. Freiberg. ed. Venetae MCCCCLXXXVIII. emenduta et suppleta. Pervigilium Vener is ad codd. Salnias. et Pith. exactum ab Jo. Casp. Orellio. Editio altera aucta Phaedri fabulis novis ab Angela Maio redintegratis et Publii Syri senten- tiis XXX Turici repertis. Turici typis Orellii, Fuesslini et socio- rum. MDCCCXXXII. 243 S. -8^,
Der Anhang hat aucli den fe^sondern Titel:
Phaedri fabulae ^ovae XXXII. e codice Vaticano re- dintegratae ab Angelo Maio. Supplemtntura editionis Orellianae. Accedunt Publü %rt;.codd.. Basil. et "turic. antic[uiisinii cum sen- tentiis circiter XXX. riuec primum editis. Turici, bei denselben MDCCCXXXII. 60 S. 8. '
iJekanntlich sind die Fabeln des Phädrus nur in sehr wenigen Handschriften auf uns gekommen. Zwar ist es übertrieben, wenn G. Bernhardy in seinem Grnndriss der röra. Litteratur S. 252 *) nur von einem einzigen Manuscript dieser Fabeln spricht, denn schon die altern Herausgeber führen mehr als eine Handschrift derselben an; aber selbst dem Urheber der gegenNvärtigen Bearbeitung, Hrn. Prof. I. C. Or elli in Zürich, sind nur fünf Handschriften bekannt geworden , eine jedoch, der code.T Duacensis, nur aus G. Hänels catalogis Mss. Lpz. 1830. S. 159. Die vier andern sind:
I. Codej: Pithoeanus, erst neulich mit vieler Genauigkeit abgedruckt von Julius Berger de Xivrey, Paris 1830 in einer
•) „Wenn gleich nun die schwache Tradition der Dichtung (ein Franz. MS.) und der Verdacht gegen N. Pcrothis noch nicht hinreicht, um die Fabeln als untergeschoben zu betrachten, so sind sie min- destens durch eine Reihe fortgesetzter Umarbeitungen verfälscht wor- den." Auch das Letztere ist eine unerwiesene Behauptung!
1*
4 Bumlsche Litteratur.
nur in 225 Exemplaren erschienenen Ausgabe des Ph'ädrus *). Nach des französischen Herausgebers Beschreibung, welche hier S. 6 — 10 raitgetheiit wird, ist er gewiss nicht jünger als aus dem lehnten Jahrhundert. Das Manuscript ist in einer lileinea Minuskel - Schrift , ohne Absetzung der Verse, son- dern in einem Zuge fortgeschrieben ; die üeberschriften sind roth und steJjen in derselben Zeile, in welcher das letzte Wort der vorhergehenden Fabel steht. Die Fabel selbst beginnt im- mer mit ^iner neuien Zeile; der erste Buchstabe ist eine Majus- kel von rother, ins Violette spielender Farbe, und steht iaitner auf dem Rande. Man iindet Correctionen offenbar von dersel- ben Hand, aber mit dunklerer Tinte; diess die Quelle der ver- schiedenen Lesarten. Die Abtheilung der Worte ist oft fehler- haft, wie z. B. im Anfang hance go polivi. In den Inter^un- ctionen herrscht grosse Willkühr; die Assimilation (Berger de Xivrey sagt: alliteraiioji) findet man nur sehr selten, und grade in solchen Worten, wo sie nicht gewöhnlich ist, z. B. animo- nere, ammirans für adm» Vorn angebunden sind 32 Blätter von der Hand des P. Pithou, enthaltend eine Copie der Handschrift, so jedoch, dass die Verse vertheilt, Verbesse- rungen und Verbesserungsversuche des Pithou nebst franz. Be- merkungen für den Setzer hinzugefügt sind. Hieraus , nicht aus dem Mss., ist die ed.princeps vom J. 1596 geflossen. Pi- thou bezeichnet sein 3Is. als: ejc, vet. Cat. Dies kann bedeu- ten, entweder veWs eaemplar Catalatinense {de Chalons-sur- Marne) oder vetus exemplür Catuacense, d. h. Diiacense: letz- teres ist wahrscheinlicher, da es Zu Douai noch jetzt eine Handschr. des Phädrus giebt, und man also annehmen kann, der cod. Pith. sei früher ebenfalls zu Douai aufbewahrt worden und eine dieser Handschrr. sei Von der andern abgeschrieben. Von dem cJod.Pith. haben vor Berger Gebrauch gemacht Rigal- tius (Rigault), Bongarsius, ein Unbekannter, welcher ein Ex- emplar der Ausgabe des Pithou auf der köiiigl. Bibliothek in Paris mit Varianten beschrieben hat; und endlich Brotier. Da- gegen hat Gudius, wie aus seinen eignen Worten hervorgeht, diese Handschr. nicht gehabt.
11. Codex jRemensis^ verbrannt ltt4. Gebrauch davon haben gemacht Rigaltius, nach der Vergleichun^ des R. P. Sir- mond, Gudius und L. X.Vincent, der einer schlechten, castrir- ten Edition Paris, vid. Brocac. 1743 die Varianten beischrieb, welches Exemplar auf der Pariser königl. Bibliothek sich be- findet und woraus Berger diese CoUation in seiner Ausgabe
*) Ein Irrthura ist es, wenn im Katalog der Passowscben Biblio- thek (Breslau 1833. S.) S. 61 bei dieser Ausgabe bemerkt wird : „£si' «tirt blos in 50 Exemplaren.'*
Phaedri fabulae, cd. Orelli. 5
mitgctlieiU Iiat; Viiicent's Vergieiclinng hat auch Brotier be- nutzt. Leider hat Borger nicht angegeben, welchen Lesarten jene Pariser Ausgabe von 1743 folgt; man ist also in vielen Fällen ungewiss, was man als LA. des cod. Rem. annehmen soll. Hr. Orelli hat durch genaue Zusammenstellung der von den verschiedenen obengenannten Gelehrten gegebenen Ver- gieichungen ein möglichst sicheres Resultat zu gewinnen ge- sucht und daraus ergiebt sich denn nun., dqss der cod. Rem. älter und besser ist als der cod. Pith., denn bisweilen hat er offenbar die richtige Lesart, wo cod. Pith. eine Gorruptel dar- bietet j z. B. Prol. V. 3 dos st. mos L fab. 1 v. 3 fauce st. face, an andern Stellen ist die Corruptel im Rem. wenigstens leichter und dem ursprünglichen noch näher, als im Pith. z. B. 2, 9, 1, wo mau jetzt aus dem cod. Perotti und nach Gudius Conjectur liest Aesopi ingeiiio hatte Rem. Aesopi ingeutemy also wenig- stens noch eine Spur des Wahren; Pith. dagegen Aesopo in^ ge?ite?n.
IIL Veius Danielis chartula saec. XII. Die Berichte' der Gelehrten i»ber diese Handschrift und die Varianten, die sie daraus anfi'ihren, weichen sehr von einander ab. Herr Orelli su6ht Ourch sorgfältige Zusammenstellung das Wahr- scheinlichste zu ermitteln; eine zuverlässige Notiz kam ihm erst 4 Monaie nach Vollendung seiner Ausgabe zu in: Classi- carum auctorum e Vaticanis codicibus editorum Tom. IIL com- pkctens mythographos tres *), fabulas Phaedri ut aiunt no- las *"*"), Boethii opuscula duo, Cassiodori suppleraentum, epi- grammata vetera ***), Geograpliura veterem, Gargilii Mactialis fragmentum de pomis, Placidi glossas et alia quaedam. Cu- ranteAngelo Maio, Vaticanae bibliothecae praefecto. Ro- Kwe typis Vaticanis MDCCCXXXI. 8. Hier giebt nämlich der gelehrte Herausgeber, den. in Auffindung philologischer S\chätze ein besonderes Gliick begünstiget, unter der Ueberschrift: De Phaedri fragmento vetere Vaticano eine genaue Beschreibung iiud Collation dieser Handschrift, wel-che in dem Anhange Hrn. OrelU's S. 29 folg. mitgetheilt ist. Diese Hand?chr. gehörte ursprünglich dem Kloster des heil. Benedict zu Fleury; kam,
•) Diese drei Mythographen siml neuerdings von Georg Heinrich Bode, Celle, 1834 in 2 Bdn. 8, herausgegeben worden.
'*) Es sind dies die bekannten 32 Fabeln, über die eo viel Streit gewesen ist; wir kommen weiter unten auf dieselbeo zurück,
***) Diese Epigramraej 32 an dcir Zahl, finden sich nebst J. Mai*s Einleitung und Anmerkungen abgedruckt in R. Bentleii not.ie atqne cniendrttiones in Phaedri fabulas, Edidit G. Pinzger. Vratislav. 1833 8. S. fil ff.
6 Römische Littcratur.
als das Kloster vonden Calvinisten zerstört wurde, an den Advocaten Petr. Daniel zu Orleans, ward dann vom Petavius erkauft und nach dessen Tode von der Königin Christina von Schweden in der Versteigerung erstanden und dem G. I. Vossius niitgetheilt; nachher kam es mit den übrigen hand- schriftlichen Schätzen dieser Königin in die Vaticanische Bi- bliothek zu Rom, wurde unter Napoleon nach Paris geschafft und befindet sich jetzt wieder in Rom auf der Vaticana *). Es ist ein Miscellcodex, welcher ein Werk des Guido iiber die Musik, aus dem 11. oder 12. Jahrhundert und ein „Roraanense poeraa copiosura atque vetustüm'^ enthält; in der Mitte findet man eine Quaternion, deren 3 erste Seiten acht Fabeln des Phädrus, die vierte ein Gebet des Hinkmar, die sechste und siebente einen Psalm, die achte den Namen des Eigenthümers (S. Benedicti Fioriacensis) enthält. Was auf der fünften Seite steht, erfahren wir nicht. In Paris merkte man gar nicht, dass der Band auch Fabeln des Phädrus entliielt; denn da Schwabe von diesem Ms. gesagt hatte: „an hodie extet in biblio- theca Vaticana, an nuper a Gallis cum aliis cimeliis Parisios transmissus sit, non constat; '* bemerkte Barbier du Bocage in dem Lemaire'schen Nachdruck der Schwabe'schen Edition zu diesen Worten: „ce manuscrit ne s'est pas trouve parrai ceux de la bibliotheque du Vatican, qui ont ete apportes a Paris.'^ Aus dem Obigen geht hervor, dass aus diesem Ms. keine Fa- beln verloren gegangen sind, sondern dass es nie mehr als jene acht (es sind im ersten Buche Fab. 11, 12, 13, 17, 18, 19,20;, 21) enthalten hat,
IV. Codejo Nicolai Perotti. Der Bischof von Sipontum (Manfredonia), Nie. Perottus, veranstaltete für seinen Neffen eine Auswahl von Fabeln des Phädrus und Avienus, wozu er sich aber wenigstens beim Phädrus eines sehr lückenhaften und verstümmelten Älanuscripts bedient zu haben scheint, da er aus dem ganzen ersten Buche und dem ersten Theile des zwei- ten Nichts aushob. Diese Theile scheinen also in seinem Ma- iiuscripte gefehlt zu haben; das Manuscript selbst, italieni- schen Ursprungs, unterschied sich wahrscheinlich bedeutend von den französischen Hdschrr. Pith. u. Rem. Ganz sicher können wir darüber nicht urtheilen, da Perottus sehr willkühr- lich verfuhr, änderte und wegliess, namentlich die Promythien und Epimythien, und bei seinem Excerpiren überhaupt sehr flüchtig verfuhr, wovon aus 4, 21, 1—6 ein sclilagender Be- weis beigebracht wird. Bekanntlich haben Cassiti und Jannelli
0 Vgl. F. Jacobs in der Scbulzeitung 1829, II Nr. 129 S. 1063 ff. Schwabe in Scebodes Archiv für Philol. und Päd. 1829, ]Nr. 46 p. 181 f. Bahr Geschichte der ruin. Litteratur S. 314 ^'ote 16.
Phaedri fabulae, ed. Orclli. 7
aus einer Neapolitanischen Ildschr. denÄuszug desPerottus be- kannt gemacht; er enthält vom Phädrus, ausser einigen Ver- sen aus dem Prolog des 3. und 4. Buchs, welche Perottus seinem Prolog eingeschaltet hat, Buch IL Fab. C. Ü. 8. einen Theil des Epilogs des2ten Buchs. Buch III, Fab. 1.2. 3. 4.5.6.7.8.10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. IT 18. 19. B. IV. F. 19. 20. 21. 23. 24. B. V. F. 1 .2. 3. 4. 5. Ausserdem enthält dieser cod. Perottinus*) bekannt- lich noch 32 bisher unbekannte Fabeln in Senari^n, welche von den Gelehrten theils dem Phädrus zugeschrieben, theils für ein Werk des Perottus gehalten wurden, ja einige gingen sogar so weit, selbst die fünf Bücher Fabeln, welche des Phädrus Na- men führen, für ein untergeschobenes Machwerk des Perottus zu halten. Wenn auch letzteres schon durch das Alter des jetzt wiederaufgefundenen cod. Pith., der dem lOten Jahrhun- dert angehört, während Perottus 1480 starb, genugsam wider- legt ist; so zeigt eineVergleichung der schlechten, in rhythmi- scher Hinsicht sehr fehlerhaften Verse, welche uubezweifelt von Perottus sind, dass solche Fabeln zu machen, wie diese 32, über die Kräfte des guten Bischofs ging. Mit Recht schliesst also Orelli, dass alle guten und sich durch sich selbst empfehlenden Lesarten von Perottus in seiner Handschrift gefun- den wurden und dass sein Zeugniss in solchen Fällen als eine gewichtige Autorität angesehen werden muss. Denn zum Theil bietet diese Italische Handschriften - Familie (so nennt sie Orelli ; leider ist aber die Perottische Epitome der einzige Reprä- sentant derselben!) an Stellen, wo die Gallische Familie (Pith. Rem,) ganz verderbt ist „veram poetae manum^' dar; andern- Iheils schiebt sie ganze, im Pith. und Rem. ausgefallene, Verse ein, die das Gepräge der Aechtheit an sich tragen, z. B. 5, 1 am Ende (eine Stelle, auf welche wir später zurückkommen und zeigen werden, dass der eingeschobene Vers keineswegs als acht zu betrachten ist. Hierin also urtheilt Hr. 0. zu günstig von der Handschrift des Perottus.). — Leider ist indessen die llandschr., welche Cassiti und Jannelli benutzt haben, von der schleclitesten ßeschall'enheit „valde evanidus et vitiatus lectio- nique saepe impervius'* wie A. Mai sagt Class. auctor. T. III. p. 278. Und so erscheinen denn auch in O.'s Ausgabe S. 113 — 126 diese 32 Fabeln, genau nach dem cod. Perottinus des Jan- nelli abgedruckt, in einer unglaublich lückenhaften Gestalt. Um so erfreulicher ist es daher , dass A. Mai auf der seiner
*) Dieser Ansdrack ist jedoch nicht so zu verstehen, als wenn die Neapolitanische Handschrift vom Perottus selbst geschriebc« wäre oderf wenigstens ihm gehört hätte ; die H^lndschrift wird nur- so genannt, weil sie eine vom Perottus veranstaltete Sammlunf? von Fabeln enthiiit. S. A. Mai clasäicor. autor. e Vat. codd. editor. T. III. p. 280.
8 R5iiiischeLitteratur.
Aufsicht anvertrauten Bibliothek unter den codicibus Vatica- nis-Urbinat. n. 368 in foi. eine sehr schön geschriebene Per- gamenthandscbrift auffand, welche ausser einigen andern Wer- ken jiingerer lateinischer Dichter (z. B. Antonii Panormitae Hermaphroditus) auch enthält: JSicolai Perotti ejngrammata et fabulae. Die Ordnung und der Inhalt dieses Tiieils der Hdschr. ist ganz dieselbe, wie in der Neapolitanischen epitorae Perottina; auch der Text stimmt so genau überein, dass man annehmen muss, beide Abschriften seien ans einer Quelle ge- flossen, nur ist die Vaticanische Pergamenthandschrift ebenso unversehrt und leserlich, als die Neapolitanische Papierhand- schrift verstümmelt und unleserlich. Das Zeitalter anbetref- fend scheint der cod. Vat. ins 15te Jahrhundert zu gehören. Aus dieser Handschrift nun giebt Mai a. a. 0. S. 278 bis 31J: denjenigen Theil, welcher die neuen 32 Fabeln enthält und füllt mit ihrer Hülfe die Lücken der Neap. Hdschr. aus und verbessert ihre Fehler, „ita ut, wie er hinzufügt, novae fabulae Iiac certe in parte vetustis non cedant, quod haud minus commodevalent.'^ Ein Verdienst um die Besitzer seiner Ausgabe hat sich nun Hr. Orelli erworben, indem er in dem Suppleraentum S. 4 — 35 den betreifenden Abschnitt aus den bei uns seltenen Autor, class. theils wörtlich, theils auszugsweise mittheilt. Zu be- dauern ist nur, dass A. Mai nicht wenigstens auch die Varianten des cod. Vat.-Ürb. zu den schon früher bekannten, in der Pe- rottischen Epitome enthaltenen Fabeln mitgetheilt hat, da ge- wiss dadurch manche Zweifel hätten gehoben werden können. Hiermitsind nun die handschriftlichen Subsidien zum Phä- drus erschöpft, bis etwa ein Gelehrter dazu gelangt, als fünf- ten Codex, die Hdschr. von Douai zu vergleichen. Die Stelle einer sechsten und siebenten Handschrift nehmen der Anony- mus des Nilantius und Uomulus ein, welche die Verse des Phä- drus in Prosa auflösen und daher zwar in manchen Fällen alg kritische Zeugen benutzt werden können, jedoch nur mit gros- ser Vorsicht, da sie geflissentlich interpoliren und in dem ver- derbten Stile ihres Zeitalters schreiben. Den letzteren hat Schwahe nach der Ulmer Ausg. (zwischen 1476 und 1484) und nach einer Hdschr. von Dijon, die sich jetzt in der Wolfenbütt- 1er Bibliothek befindet, genau herausgegeben, üeber das Li- terarische vergleiche man Lessing's sämmtliche Schriften, 8ter Bd. (Berlin 1825. 12. S. 96 folg.) *)
•) P. Burmann brachte diejenigen der Fabeln desBoraulus, welche nicht mit Phädrischen übereinstimmen, nach einer von Marq. Gudiua aus dem cod. Divionensis genommenen Abschrift in Senarien. Diese fin- det man in dem Tauchnitzischen Fhädrus von 1826. S. 60 — 78 ab- gedruckt, aber unter der Aufschrift; Jppendix prijnafabulai-umXXXiy
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FhaedrI fabulae, ed. Orelli. 9
Aussertlera veranstaltete min Ilr. 0. noch eine genaue Ver- gleicluing der editio princeps des P. Pithoeus von ir>l](>, da selbst Berger de Xivrey nicht alle Varianten daraus mittheilt. Er bediente sicli dazu eines Exeraplars der 13erner Bibliothek, welches von Anfang bis Ende von Bongarsius mit einer Hand- gchrift, und zwar, wie Hr. 0. iiberzeugend darthut, mit dem codex Pithoeanus selbst verglicljen ist. Diesen Varianten hat Bongars seine Verbesserungsvorschläge heigefügt, welqhe Hr. O. ebenfalls rahgetheilt hat.
Hiernach ist nun der Text des Dichters constituirt; unter demselben ist die varietas lectionis aus den Hdschrr. und der ed. princeps, sowie auch ausSchwabe's Ausgabe^ vollständig an- gegeben; von den Conjecturen sind mitRecht viele unnütze und falsche übergangen, die angefiihrten mit dem Namen ihres ersten Urhebers bezeichnet. So kann man denn mit Hecht dieser Auifgahe das Prädicat „prima critica'"', welches sie sich auf dem Titel selbst beilegt, zugestehen; die Absicht des Her- ausgebers dabei war, endlich nach 225 Jahren zu zeigen, wor- auf sich der Text des Phädrus gründe, was darin altund urkund- lich beglaubigt, was leichtsinnig geneuert sei; denn grade die- ser Dichter von so geringem Umfange ist in kritischer Hinsicht sehr vernachlässigt worden, oder, wie Hr. O. sagt: Incre- dibile est enim, quot et quanti error es in tenui hoc opusculo adhuc commissi sint , non magna quidem, sed tamen nonnulla. Kditorum culpa. Was nun der Text durch diese Behandlung gewonnen, davon sollen unsere Leser eine Vorstellung erhal- ten, indem wir einige Stellen im Einzelnen näher betrachten. Der kritische Apparat ist auf eine sehr zweckmässige und über- sichtliche Weise zusammengestellt und geordnet, ein Vorzug, welchen Hrn. O.'s kritische Ausgaben mit denen von Im. Bek- ker und W. Dindorf (Athenaeus) gemein und vor vielen an- dern neuern Ausgaben voraus haben; wie genau aber die An- gaben der Varianten sind, darüber kan», Unterzeichneter nicht urtheilen, da ihm Berger's seltne Ausgabe, das Berner Exem- plar der princeps und Jannellis Werk (Codex Perottinus XXXII fabulas iam notas, totidem novas sed et triginta Avieni vulgatas etPerotti carmina contineas ed.aCatald. Jannelli. Neapel, ISll.
a Marquardo Gudio ex Manuscrtpto Divisionensi ( sie / ) descriplarum. • So wird deF Unkundige zu glauben verleitet , dass die Fabeln schon in der alten Hdächr. in Verse gefasst sind. Wieviel grösser würde das Verdienst der Tauchnitzischen Abdrücke sein, >venn bei Besorgung derselben ein einigerraaassen umsichtiger Gelehrter zu Rathe gezogen würde. Wenigstens sollten bei Ausgaben solcher Autoren, wie Strabo die Seitenzahlen der Editionen, nach denen am häufigsten citirt wird, nicht fehlen.
• •
10 Römische Litteratur.
8.) nicht ziig'anglich sind. Wir hahen aber zu der sonst be- währten Gewissenhaftigkeit des Hrn. Herausgebers das Ver- trauen, dass wir hier einen zuverlässigen kritischen Apparat vor uns haben.
Buch I. Fab. I. V. 10 steht im Text:
Ante hos sex nienses male dixisti mihi
und dabei in der Note: ait male dixisti P. R. (teste Gudio.) p. Sed qunm Ä. oniittat ait ^ hoc v. delevi, ut infra SO, 7. male ait dijoisti Gud. S. (Reraensi at tribuunt Heins, et Desbill.) Allein durch die in den Text aufgenommene Lesart wird ja der llhythraus zu Grunde gerichtet, denn jene oben angeführ- ten Worte geben ja nun und nimmermehr einen Senarius. In solchen Dingen, wie die Auslassung des ait ist, hat der Ano- nymus Nilantii (denn dieser wird mit A bezeichnet) gar keine Autorität, da er in Prosa schrieb und sich um das Versraaass nicht kiimmerte. Warum ist denn Hr. O. nicht bei der LA. der codd. Pith. Rem. und der ed. princeps (P. R, p.) geblieben, mit denen zu schreiben ist :
Ante hus sex menses, ait, male dixlsti mihi
wie Rec. bereits zu den von ihm herausgegebenen Bentleyscljen iNoten zum Phädrus S. 5 gezeigt hat. ait ist einsylbig zu lesen. Der Anapäst im 4ten Fusse kann bei Phädrus keinen Anstoss geben, s. G. Hermann elem. doctr. raetr. II, 14, 19 S. 12C epit. doctr. metr. §. 154 S. 51) folg. Munk, Handbuch der Me- trik S. 140.
Fab. II, V. 14.
Parvura tigillura, missnm quod subito vadi Motu sonotpe terruit pavidura genus.
So schreibt Orelli aus cod. Pith. und Rem. Die Angabe bei Rentley: „Codex alter rar?««" scheint zwar auf einem Irrthum oder einer Verwechselung der ed. princ. mit einer Handschrift zu beruhen, denn die editio princ. hat vadis. Indessen hat diese Lesart, wie Bentley nachgewiesen, so viele innere Vor- züge für sich, dass wir sie auch ohne alle äussere Beglaubigung in den Text genommen zu sehen wünschten.
Fab. IV. V. 4 hat der Verfasser im Texte stehen lassen:
Aliamque praedam ab alio ferri putans
was gegen das Metrum verstösst. Hielt es der Herausgeber in dieser prima ed. critica für nothwendig, an Stellen, wo die handschriftlichen Subsidien keine sicliere Hülfe darboten, lie- ber eine verderbte Lesart der Handschriften im Texte stehen IM lassen, als eine immerhin unsichere Conjectur aufzunelimen, — ein Verfahren, welches man allerdings billigen müsste, wenn es nur consequent durchgeführt wäre; anderwärts stehen a!)er blosse Conjecturen im Text — so hätte er doch wenigstens solche
Fhaedri fabulac, cd. Orclli. H
Stellen durch ein kritisches Zeiclien gleich für den ersten Anblick kenntlich machen sollen. Was nun unsere Stelle an- belangt, so will zwar Burmann die Lesart der Handschriften vertheidigen, indem er die letzte Sylbe in praedam nicht eli- dirt. Diess ist aber nur ein gewaltsames Mittel und die vielen vorgebrachten Conjecturen der Gcilehrten sind eine so unsicher und unzuverlässig wie die andere. Daher scheint dieser Vtrs sein Heil von der Handschrift von Douai erwarten zu mi'is- sen. — Wiederum verstösst der 7te Vers dieser Fabel gegen das Metrum:
Nee quem petebat adeo potuit attingere "
WO Hr. Orelli aus dem Anonymus des Nilantius eine eigene Con~ jectur herleitet:
Nee, quem petebat, potuit dente attingere,
Leichter auf jeden Fall scheint die von Bentley angenommene Umstellung
Kec quem petebat potuit adeo attingere zu sein.
Fab. V. Vs. 7.
Ego priraara toUo nominor quid leo.
So schreibt FIr. Orelli mit den Handschrr., wiewohl man wegen der Verlängerung der letzten Sylbe in quia an dem Verse vielfach Anstoss genommen hat; in den Noten erwähnt er die Verbesserungsvorschläge von Richter quoniam nominor; von Cuningham nominor quoniam und von Santonius zum Tcrentia- nus Maurus S. 4 nominor Leo quia. Gegen den letzteren erregt die Stellung des quia am Ende des Satzes grosses Bedenken; die ersteren beiden sind gewaltsam, und schon deswegen un- wahrscheinlich, weil in den beiden folgenden Satzgliedern quia steht. Sollte nicht vielleicht anzunehmen sein, dass sicli Phä- drus die Verlängerung des a in quia gestattet habe? Wenig- stens findet sich in den aus dem Perottischea Codex herausge- gebenen Fabeln XIII, 4.
Male cessit, ait, artis quia sum nescius.
So haben ganz gleichlautend cod. Neap. und Vat., so dass also die Emendationen Bothe's und Jannellis schon an sich unwahr- scheinlich werden. S. b. Orelli S. 124. Ferner wird aus Ausc- nius Profess. 8, 7 angeführt :
S6d quia nostro docuere in aevo.
Daher scheint also quia, wiewohl es bei Virgil und sonst im- mer mit kurzer letzter Sylbe gefunden wird, bei spätem Dich- tern mit veränderter Quantität gebraucht worden zu sein, wie denn ja anerkannt ist, dass zur Zeit des Terentianus Maurus quia auch einsylbig, und zwar lang gebraucht wurde, s.
12 Römische Litteratur.
Wasiiis ile ücentia vgU. poet. cap. 16. Sauten, ad Terentian. a. a O.
Fab. VIII. Vs. 2. ist die Bentleysche Emendation nur uii- vollständj^ ang^egebeii. Bentley schob nämlich, wie so oft im Phädrus, im ersten Verse ut ein, wodurch denn das Ganze allerdings concinner und besser verbunden heisst;
Personam tragicam forte ut Vulpes \iilerat, O qiianta species, inquit, cerebrum non hahcs.
Fab. XII. Vs. 1. 2 scheinen gar nicht in den Text desPhai- drus zu gehören. In cod. Pith. und Rem. steht Laudatio uti- liora, quae contempseris, saepe esse inveniri , haec erit narra- tio. In der vet. Dan. chart. Saepe esse utiHora, quae con- tempseris, eius rei testis haec narratio est. Das letztere ist gar nicht metrisch, sondern sieht ganz so aus wie eine pro- saische Ueberschrift, dergleichen der ^od. Perott. fast Viber allen Fabeln hat. In der Lesart des cod. Pith. u. Rem. scheint es auch bloss ein Werk des Zufalls zu sein, dass die ersten Worte einen Senarius geben ; desto mehr hinken aber die fol- genden, welchen des Pithöus Conjectur exserit nur zum Nach- theil der Latinität aufhilft. Wahrscheinlich ist tesiis vor erit ausgefallen und es sollen gar keine Verse sein, sondern es ist schlichte Prosa, ia welgher nur der Gedanjte der beiden letzten Verse:
Utilia mihi quam fiierint, quae despexerara, Et quae laudaram, quantum luctus häbuerint.
wiedergegeben ist. Schon dass am Anfang und Ende der Fabel derselbe Gedanke vorkommt, weist an der ersten Stelle die Interpolation nach.
Fab. XIII. Vs. 1. 2:
Qui se laudari gaüdet verbls sübdolis Fere dat poenas tiirpi poenitentia.
So schreibt Hr. Orelli nach cod. Pith. Rem. u. ed. p.r. Wenig- stens hätte erwähnt werden sollen, dass schon Bentley dersel- ben Lesart folgt und sie gut und treffend, wie immer, recht- fertigt. Die chartula Danielis hat, wie man jetzt durch A. Maius erfährt:
Serae dant poenas turpi poenitentiae
was keinen Sinn giebt. Orelli macht daraus nach Heinsiua Vorgange:
Serae dat poenas turpes poenitentiae.
Dass jedoch poena serae poenitentiae, Strafe für zu späte Reue, einen unserer Stelle durchaus nicht angemessenen Sinn giebt, hat bereits Bentley nachgewiesen; demselben war eben- falls mit Recht poenas turpes anstössig. Alles diess scheint Hr. Orelli übersehen zu haben, als er seine Anmerkung im
Fbaedrl fal)ulae, ed. Orelli. 13
Suppl. S. 34 schrieb, und wir können daher diese (pQovzidag ösvTtQCcg hier nicht 6og)caT^Qag nennen, sondern bleiben bei der ' obigen, von Bentley gebilligten Lesart.
Fab. XXV. Vs. 6 ff. hat Hr. 0. die offenbar verderbte LA. der Handschriften in den Text genommen , was wir nicht billi- gen können, da er sich doch §onst der Conjectiiren nitht ent- halten. Will man aber einen möglichst berichtigten, nicht einen bloss diplomatisch genau den Urkunden folgenden Text geben, so unterh'egt es keinem Zweifel, dass hier die auch ^on Dentley gebilligte Emendation des Rigaltius der Wahrheit so nahe kommt, als möglich. Qua lütet statt quam übet zu schreiben, wie Bentley will, ist indessen nicht nöthig. Buch 111. Prolog. Vs. 53 s
Si Phryx Aesopüs potult, si Änacharsis Scytba.
In der Note sagt Orelli: ,,Sic Burmannus, Schwabins *), si ante Änacharsis tribuentes L F. Gronovio. — Si Phrix Esopus po- iuit si Anachursae (sie) Scythae codex Pithoeanus teste Ber- gero j ita ut alterum si (nisi, quod suspicor, Bergerus erravit) sit revera in cod. Pith. E Remensi Vincentius non affert nisi: — Anacharsae Scythae. — Si Phryx A esopus potult Anacharsi Scythae ed. princeps. — Si Phryx Aesopus potuit, Anachaisis Scytha Rigaltius, Faber. Denselben Verdacht gegen Berger de Xivrey äussert der Herausgeber auch S. 6 in der Vorrede. Wir sehen aber nicht ein, warum hier gerade der sonst genaue Mann geirrt haben sollte, wenn auch die Möglichkeit eines sol- chen Irrthums überall vorhanden ist. Denn dass Pithoeus in dier ed. pr. das S2 nicht hat, beweist nichts; diesen fi'ihrte die Vorstellung irre, dass in Anacharsae Scythae der Dativ stecke und dadurch beachtete er das si nicht, welches ihn auf den Wiahren \Veg hätte bringen können.
Fab. VIL Vs. 3 will Hr. 0. emendiren:
Forte üccucurrit) dein salutatum invicetai
und fügt die Erklärung bei: „deinde ubi restiterunt eo (ine, ut se invicem salutarent cet.^' Rec. hält diese l^meiidalion für sehr gut und hat sich nicht enthalten können, sie in seinen Eclogis poetarura iatinorum Pars L pag. 22 in den Text auf- zunehmen.
Fab. XIX. Vs. 3 ist nach quaerens das Komma zu streichen.
Buch IV. Fab. L Vs. 4. 6:
Galli Cybebes circum in quaestüs ducere Aslnum solebant baiulantem sarcinas.
So schreibt Hr. Orelli nach Gudius, Heinsius (welchen er je-
') Statt der Abkürzungen schreiben wir um unsere Leser willen die Namen aus.
14 RumisclicLittcratar.
(locli niclit anfüijrt) und Schwabe. Die Handscliriften haben: circitin qiiestus (sie). Dies hat Rcc. in seinen Anmerkungen ad Bentleii notas p. 38 erklärt: „ad quaestus (denn so ist natürlich statt questns zu schreiben) passiru faciendos sive ad stipem hie iilic erogandam.*' Dann steht quaestus ungefähr so wie bei Plaut. Rud. 4, 3, C2 ed. Reiz.
Nun eniDi tu hie quidem occupabis omnis quaestus quos voles.
für E r w e r b s z w ei g e oder geradezu für die Orte, wo sich einer was erwerben kann.
Fab. V. Vs. 15. Die Ausgaben vor Bentley haben fuerat und so auch noch Burraann in seiner zweiten Ausgabe und einige Neuere. Nach Bentiey's Note zu schliessen wd^x fuerat allge- mein hergebrachte Lesart ohne Variante, denn er sagt geradezu: Lege: fuerit, Orelii hat nunfuerit^im Text, ohne ein Wort Anmerkung. Diess erregt Zweifel über die Lesart der Hand- schriften und der ed. princeps. In einer Ausgabe mit Job. Freinsheiin's Noten von Holstius , Strasburg 1(164. 12. finde ich indessen sclion fiierit. Die Entscheidung über diese Frage rauss denen vorbehalten bleiben, denen die Quellen des kriti- schen Apparats offen stehen, am besten dem Hrn. Herausgeber selbst. — In derselben Fabel Vs. 41 schreibt Hr. Orelii paret^ obgleich der folgende Vers auf dasselbe Wort ausgeht und er- wähnt dabei J. F. Gronovs Conjectur peiat, welche schon von Bentley sehr gut beseitigt ist, durch die wahre Bemerkung: „Atque vinum petere est ex taberna subinde venale petere, non domi in penu possidere." Eher war Bentleys eigne Emenda- üon bibat zu erwähnen, welche zwar einen guten Sinn giebt, aber von den Schriftzügen der handschr. Lesart weit abgeht.
Fab. VI. Vs. 2 hätte Bentleys Verbesserung, welcher et hinter quoium einschiebt, wo nicht in den Text genommen, doch in der Anmerkung mit mehr Recht erwähnt werden sollen, als der kühne Vorschlag desRigaltius. Denn dass dieSylbe um nicht elidirt werde, können wir eben so wenig zugeben, als dass I, 4, 4. praedam und IV, 9, 2 effughim unelidirt bleibe. Von ersterer Stelle ist oben die Rede gewesen, an der andern hilft Bentley durch eine Umstellung der Worte:
Reperire effugium quaerlt alteriüs malo,
was unstreitig das Richtige ist, da eben unsre Handschriften des Phädrus in nichts häufiger fehlen, als in Wortverstellungen. Auch Fab. XXV. Vs. S ist die jedenfalls richtige Emenda- tion Bentleys unerwähnt geblieben; dagegen hätte Buch V. Fab. L Vs. 19:
Humänum saepe sie iudlclum fallltur gar nicht erst in den Text kommen sollen, auch nicht einmal in [] eingeschlossen, da der Vers ja von Jauuelli aus einer pro-
riiaedri FalAilac , ed. Orclli. 15
saisclien Unterschrift faLricirt ist. Phädnis liat daran keinen Antheil. In derselben Fabel Vs. 8 kommt reptont der hand- schriftlichen Lesart rej)ettint näher als repzmt; auch emendirte llitterhusius rcpta?it nicht repunt.
Buch V. Fab. V. Vs. 25. 26:
Fit tiirba maior. Iiira favor raentes tenet Et derisuruä, non spcctaturus , silct.
Die Handschrr, haben allerlei verworrene Lesarten; was Jiier steht, ist Orelli's eigne Eraendation, der er die Erklärung bei- fügt: favor per TtgoöcoTtoTtoitav \}Yofafftores — — sile?d; ut fere supra: Sile'ntiura ipsa fecit exspectätio. Allein wie ist das möglich 'I Favor musa doch in beiden Satztheilen dieselbe Be- deutung haben. Will nun Hr. 0. den ersten auch etwa erklä- ren: lam fautores mentes tenent^ Die angeführte Emeoda- tion muss also für verunglückt erklärt werden.
Fab. XL Vs. 9:
Quod füimus, laudasti ; iam damnas quod snmus.
So nach Burmann's Conjectur aus den Spuren des Anonymus des INllantlus und des Romulus; die Handschriften (Pith. Rem.) haben:
Quod fuimus laudas iam damnas quod siimus.
Dem kommt aber des Gudius, von Bentley gebilligte Conjectur, viel näher:
Quod füimus, lauda, 8i iam damnas, quod sumus.
die in den Text aufgenommen zu werden verdient hätte.
Suchen wir nun nach dieser Durchmusterung einer Reihe einzelner Stellen ein Resultat über die kritische Be- handlung des Phädrus in vorliegender Ausgabe zu begrün- den, so finden wir, dass zwar der Herausgeber, wie Recht und billig, zur Grundlage seines Textes die Handschriften ge- macht, dass er sich indessen nicht so streng an dieselben ge- hunden, dass er nicht auch bisweilen sowohl eigne als fremde Vermuthungen in den Text aufgenommen hätte, wobei wir ihm oft beistimmen, bisweilen auch andrer Meinung sein mussten. Indessen sind bei Weitem nicht alle Stellen, wo überzeugende Gründe, namentlich das Versmaass eine Emendation erheisch- ten, emendirt worden, wiewohl zum Theil sehr leichte und sich empfehlende Conjecturen sogar in den Noten aufgeführt wurden. Dieses Verfahren ist nicht gradehin zu missbilligen, hätte aber consequent durchgeführt und das offenbar Corrupte stets durch ein kritisches Zeichen — was nur hin und wieder geschehen — kenntlich gemacht werden sollen. Auch sieht man nicht, warum dann nicht lieber alle Stellen in dem Zu- stande gelassen worden sind, wie sie die probabelste hand-
iungs-VorscliIäge von Jannelli, Cassiti, Bothe und Zell nebst seinen eigenen niitgetheilt. Dieser canze Abschnitt des Buc!is
16 Roraisclie Littcratur.
schriftliche Lesart gestaltet; wobei die entweder notlivvendigen oder höchst wahrscheinlichen Emendationen ad niarginem — ab- gesondert von der annotatio critica — hätten gegeben werden können, ein Verfahren, welches in einer edilio prima critica gewiss Beifall gefunden haben würde. Zu tadeln ist es auch, da^s die so zweckmässige Bezeichnung der Ictus unterblieben ist, worin bereits Bentley als Muster vorangegangen war, der überhaupt vom Herausgeber nicht gebührend beachtet worden zu sein scheint;
Es folgt nun von S. 113 bis 130 i
Phaedri fahularum über sea:tvs siue fahulae scrvatae in cO" dice Perottino repetitae ex lectione laimellii.
Das Literarhistoi'ische über diese Fabeln kannjals bekannt vorans gesetzt werden *). Der Herausgeber hat mit grossem Fleisse unter einem genauen Abdruck des sehr fehlerhaften und lücken- vollen cod. Perottinus lannellii die Verbesserungs- und Ausfül- lt
seinen eigenen niitgemeiii. uieser gan: und die darauf verwendete Mühe ist jedoöh, wenigstens zum Theil, überflüssig gemacht durch die Entdeckung A. Maio's, welcher auf der Vaticanischen Bibliothek ein weit vollständigeres und correcteres Exemplar des codex Perottinus auffand und daraus obige 32 Fabeln in dem schon öfters ange- führten 3ten Theile der Classic! auctores abdrucken liess. Die- ses Buch kam aber Hrn. Orelli erst vier Monate nach Vollendung seiner Ausgabe zu und er benutzte es nun zu dem Suppleraen- tum, in welchem S. 4 — 6 A. Maio's Einleitung, enthaltend eine Notiz der Hdschr. (s. oben) mitgetheilt ist. Dann folgt S. X 8. ein Brief des Perottus an einen gewissen Titus Mannus Vel- trius von Viterbo, und S. 9. 10 desselben Perottus Prolog an seinen Neffen Pyrrhus in so schlechten Senarien^ dass schon dadurch allein die Meinung derer widerlegt wird, welche den Perottus für den Verf. jener 32 Fabeln hielten. Ein Paar An- merkungen A. Maio's zu diesem Prolog hat Hr. 0. weggelas- .sen; da sie indessen nicht ganz unwichtig sind ^ so mögen sie hier stehen t
Zum zweiten Verse: tn codice iam neäpolitano quam va- iicano alternatim scribuntur Aesopi seit Phaedri tum veteres tum^^) novae {ut creduntur) itemque Avieni fabulae; quas
*) S. Bahr, Gesch. der röm. Lit. S. 3l4'fc '
♦♦^
*) Tum — tum ist verdächtiges Latein, s. R. Stuerenburg ad Cic. p. Arch. p. 164 f. und Kraft ad Epistolas Ruhnkenii ad VVitten- biich. p. 144 f.
Phaedri fabulae, cd. Orelli. r X7^
ojunes vir cl. C, lannellius sua priore editione complejciisest, e'^ö vero 7ionnisi fabulas novas do.
Dann: Perotti ipsius car7n{?ia<, antiquis fahulis in codice in- ierposüa^ in Sita priore edilione exhihuit cl. lannellius \ sed haec perottina a ine a praeter mittuntvr ; ita tarnen ut eorum carmimim lacunas quasdam in calce expleturussim»
Nuii folgen von S. 9. an die Fabeln selbst, welche I!r. 0. aber weder nach dem cod. Vat. zufolge der Mai\schen x'\ngä- ben, noch nach A. Maio's Teztesrecension hat abdrucken, son- dern aus dem cod. Neap. aus Jannelli's, Cassiti's, Bothe's, ZeU's und eignen Conjecturen hier und da geändert. Das kri- tische Verfallren zeigt hier noch weniger Consequenz als in den alten Phädrischen Fabeln^ Man erfährt nicht einmal, was an jeder Stelle Maio liest; z. B« 1, 5 hat derselbe nach cod. Vat. im T^xte; ' jw;!. . , . spfv r vn ;/
Quam tibi impartiar parvam. quarävis partem,
^vährend Oi-elli nach Cassiti's und ^ell's allerdingg wahrschefnf-J lieber Conjectur schreibt: -»'^ ' >
uam purtein qiianiviä parvara impertiar tiOL ^ . . .
Ebenfalls unerwähnt geblieben ist, dass Maio lies^ Fab. Ü, 8. solertja. 1). Jupiter III, 1. olim ausgelassen. ^§^ par.^ü. s. w. Marir kann also des oei uns so settneh Classicorüm auctorürh Tom. IIl. nicht entrathen. Auch haften wir gewunsclit, däss Hr. Öreffi Alles noch Brauchbare aus den Noten seiner ersten Beärbeitunir^ dieser Fabeln in die Noten zu der gegenwärtigen transferiri hätte, damit man das Buch nicht stets an 'zwei''St-eI!teii nachzu- sehen brauchte. — Einige einzelne Steilen nlögen nun näher ^ betrachtet werden. ,;.
Fab. II. Vs. 4 steht unraetrisclj: . ,
Quaecunque Fortuna indulgens animali ^edit»^jg^yj „^ tü«?ßL>
Das Metrum ist durch folgende Wortversetäung;herziislelIen:
"Quaöcunque indulgens Fortuna aniraalidedit* -jfioy ür w
Diese Wortstellung hat auch dem Sinne nach dett* Vorzug, da auf indulgens, wie man sieht, der Nachdrück liegi/ ' Fab. III. Vs. 13:-' "^* »«uimei'»^^'
Id qwüra forte raeretrix rideret välldius. •««'*"- -*5< „l
Ein schlechter Vers; er kann verbessert werdeii:*^ 'V
Id forte raeretrix quüm rideret valldius. ij^i;»
Fab. VII. Vs. 3. ist Q^uid o! mit vollem Rechte aus cod. Vat. aufgenommen.
Fab. IX. im prosaischen Promythion ist Quam zu schrei- ben statt Quum. — Ebendaselbst Vs. 16 ist ünum e Romanis eine treffende Eraendation des Herausgebers statt Ünum de R.
Fab. X. Vs. 3 ist eine verzweifelte Stelle, wo man wohl
A, Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. Bibl. Bd. XIV Hft. 5. 2
18 UOmiiiche Litterutu».
auch nach des Herausgebers Vorichlag ciu Ampliu«! rufen idukh.
Fab. Xr. \». 12 sieht ohne Melroni:
Kt tu ni«i IstuiiJ tccum SMidue rcünefl.
Weder liier noch S. 123 int etwid darüber beraprlt. Ob rrttinct zu Nclireiben, iM Hehr zu besweifela., da lieh bchwcrlich eine Analogie dafür beibringen litht.
Fab. XIII. \«. 4. Wegen der langen leUteu S^lbe iu quia Tergleiclie man daa bei I, Ti, 1 Uemtrklc.
l'ab. XM. Vi. \) cod. Vat. u. Meap. habca:
SupcriUftC ^ 4ui C4i»ct niclior virtb«*.
Orelli schreibt mit Hothc und Zell:
bnpf'nisire , niclior (|iii ctcrt riribiif.
Wozu daa, da dadiirrh doch der Vera nocli nicht herbestelle ivird. Jaiinelli lieitt fuituct atali ratet, wa« dem Verte allcr- dinga aufhilft^ aber gewaltkam iit. \icllcicbt kaau luan eniendiren :
StipTtitir qui (r nn'Iior rifcl liribui. Fab MV. Va. t'i'.
(^uutidlana ripU roniurt/idine.
Damit nicht etwa Jemand durcli die gewölinlichc Le«*rt tn Ta- tull.fiS, VM) verHihrt an der (Quantität det • ^^ urte« Aa-
xtooM Jieiituen möge, bcrnerltti \kir, da»« di« rc^umaatigc Mc^ bung iMt: qiiwiidlänu«. So bri Marlial 10. GCi;
Lat'tia dr^pac« 14 qnMkÜam^
und bei 'Ferent. Ilcaut. 4. T), 7:
(^u(»(i(/i(ino firri. lu« firri laodaa.
Daher iit auch mit dem cod. Drctd !n der togefuhrtco Stelle CatulU 2u lesen:
Cunjugii.io cal|ia ftagrmbta y— ltidia«a,
wobei die vorletzte und drittletzte S>lbe %ou quotlidiana durch S^uizetie zu >ereiiii^t.-n hiud. Fab. XM. Vh. a:
\r«lcin, ünionrk . uuruin, nrf^cstUB ■unirrrt.
In der Note lieisst en: i e*t9m] Eiemplar Ihirm. I. Z. (d. L lannelli, Zell). — l'estcs Vat. Neap. Die Lesart rea/^M i«t ^a- wis« richtig, alhin \%at« ea mit dem Kxrmplar Hurm. für ein B#- wandtuijJH eigenllicii habe. Ut bisher noch nicht ermittelt wor- den. Zu X, \\ fiihrt Orelli ati« dtMimrlbrn K\cmplar Uurm. di« Lesart an: Natriram(|ue aifirniaret ut raac tili parcra. »etit aber «ehr \%eisc hinzu: .Mihi >idrtur mcra coniectura %cl Uurmansl vel Dor\illii, quam lannrliii ediiin tnance e\liibcat: A../.. qtie ut nffiimarrt rssc. Dieselbe SclAliiaafol|[erttB/t CÜt an ua- «erer Stelle t'cbrigens acbc maji fibm' dl« kwuillÜM» weich«
PhaedrI fdbulae, ed. Orclll. ,| 3<)
Dorville und Biirmanri von dem Perottiniscben Codet hatten, y. lacobs in den iNachtragen zu Sulzer VI, 1. S. 45. Soweit- Jäiili^ der liericlit ist, welclien P. Burmanu in der Vorrede Heiner letzten .Au^j^abe des Pliädrus, Leiden 1727. 4. von dem Funde des Peroltisclien Codex durch Dorville abstattet, go ua^ gründlich und ungenau ist er aucfi. Man erfährt nicht einmal,* IT o Dorville den Fund ^ethan *)? Indessen scheint es nicht zweifclfiaft, da-^a Dorville da«) Neapolitanische Kxemplar, wel- clies nachmals Jannclli Iieranngab, in Händen hatte. Seine an Ihirmann niits^etheilte Abschrilt muss aber entweder selir leicht- fertig und unordentlich fremacht gewesen sein oder es gehörte eine melir als holländische Indolenz von Burmanns Seite dazu, dass er \on den IVI neuen Fabeln nur eine einzige, die erste (S. XLII. ed. Mitav.), inittlieilt. Ohne diese Indolenz Iiätten jene Fabeln schon fast lUO Jahr früher der Welt be- kannt werden können! Fab. XVI. Vs. 8:
Immo, nitfi dedrris, fpAnda Msoabit tua. In Senarien erinnere icli mich inimo immer nnr mit lanjcr letar«*.« ter Svibe pefundeii zu liaben; daher ist vielleicht zu schreiben :
Iiniiio, ni dcdcriü rrt. tk
Fab. W I. V. 10. Teber die HedentuniT von obinrpar! t^ Sptidiri; zum Quintil. X, S, 21. S. ITifi. — Kbendaselbst Vs. 15:» Bcheint hera eine etwas ffewa^tc Fonjectur des Herausgebers. '
Fab. XMII. \h. 4. ö:
Qttac vrror noBUft prctoris fraudem iinprobi,
Sn^ppftniii nlTirlum r<«fuHia>il niaitfii i. ,
Hier fehlt die Verblndnii? mit dem \ orher;?e!»enden und e»' ticheint Halirr quiim statt «juae zu ncbreiben zu f^cin.
Fab. XIX. Vs. 13 ist durcli die Conjcctur dominium sehr glücklicii hergestellt. ^
Fab. XX. Diese Fabel sclieint unvollstandif? zu sein. Da« Knde feliit; denn die Lelierschrifl passt nur, wenn man sich die Krzähluuff noch weiter furf ::elülirt denkt.
Fab. XVII \ «. 4 ixt (Ins kommt nach laliitat zu streichen.
Fab. X\l\. \s r» stellt fehlerhaft rectum statt rictum.
Fab. X\\I. Diese Fabel, welche früher so corrupt war, dasn sie gar nicht verstanden werden konnte, ist jetzt bo her- gestellt, dn«s sie keinen Anstosa mehr gewährt.
Fab. XXMl. Vs 1:
(^iiiim vrnatorciu rrlrri pcdo fugcrcl lufUf.
Dies Tcr(»tu)i8t gegen das Metrum.
*) Das« dies« ru Parma prsrbrbrn ffi, wie .^Äiraic In Srcbodr* \. Arrliiv Xh'lH, \\ 4, s « anpirlit. beruht auf einer bloticn Vcrmulbung. tcbcr/iurmaun'« Abiclirifl der 3- Fabclu *cbc uiau cbcnd. S.2(»Xülc JO".
J?
20 Roraigche Litterafur.
Y Quin sequere; salutem ti^i Committo meani.
Da'y Metrum wird durch Wortrersetzun;^ hergestellt : '* • ' Quin seqnere; salutem c'öimultto titn meain.
Ebenso dürfte im vorliergeh enden Verse zu Icstensfein :
Non siifn in cainpo tibi pat,,sed sum süb dio./ .,.
■ ^ -^ •■ • 111.' ■!••;> r»lii'i; ■
-lav/Fab. XXX. Ys. 3 steht durch .Druckfehler aqcipimus stritt accepiraus. . m iici^iuma;.
,-. ^^A9 null den Verfasser dieser Fabeln anbetrifft, so äussert sich 0. S. 23; darüber loigenderraaassen: „Haud cunc|,atus sura eoruin sen^euti.ae a.Cijederie, ,quibus pro certo pers^aspm est, Fabnlas -XXXU* ab uiio Perotto servatas huic homini omnino tribui non pos.se>,iiii»is enira, quamvis tenues sint et exsangues, superant peieticam nostri Episcopi facultatera. Minirpe contra discrepare videtur et inventio et genus dicendi p^r se spectar, tum a Phaedro dudum noto. •
So sehr dies auch zugegeben werden rauss, .so folgt dar- ap§. doch noch keiuesweges die Identität des Verfassers dejr* fünf Bücher Fabeln mit dem Dichter dieser 32. Die Aehn]ichkel-.> ten in Darstellung und Inhalt können auch so erklärt werden, dAS^man den.; V-erfasser der 32 Fabeln für einen Nachahmer d^s PhädruB ei*klärt,. wie Fr. Jacobs annimmt in dem Aufjj^tze: „Einiges über den Phädrus/^ Allg. Schulzeit. 1829. Abth. 2. No. 129. S. 1061, wo er sagt; „Jene 32 Fabeln scheinen sämmt- lich von einem Versificator herzurühren, der sich den Phädrus mit besonderer Vorliebe in seinen Vorzügen, wie in seinen Feh- lern zum Muster genommen hatte ? — Wie man darauf gekommen ist, diesen Versemacher Julius Phädrus zu nennen, ist rätli*=<ilhaft.
iil Ueberden übiügßu Inhalt des Buchs — Germanici.;Aratea, Pervigilium Veneris, P. Syri sententiae — vielleicht in einem zweiten Artikel. G. Pinzg er.
C, lulii Cae-^<iTi& Commentarii de Bello Gallico et Civilis Für die Schüler der mittleren Classen deutscher Gymna- siei» bearbeitet von Anton Baumstark, Dr. Philos., Prof. an dem Gjmnaisium zrt Freiburg und Collaborator an dem philol. Seniina-r? riuni der Universität daselbst. Freiburg, Gebrüder Groos 1832.
Dürfen wir mit Recht voraussetzen, dass vorliegende Aus- gabe der viel gelesenen und vielfach erklärten Commentarien Caesars sich bereits Bahn gebrochen und im Gebrauche melir oder weniger Beifall gefunden, folglich eines nach mehrern Jahren erst erscheinenden öffentlichen ürtheils zu weiterer Em- pfehlung nicjit grade bedürfe: so erfodert doch theils die Voll- ständigkeit literarisch- historischer üebersicht, welche sich nach Möglichkeit diese Jahrbücher in ihrer Sphäre zum Ziele
Cacsaiia Cüiunientarii ^ bcarljcitct v. Baumstark. <31
gesetzt haben , tlieils das specielle Interesse einer gewissen Ciasse von Lehrern an neuen Ausgaben , Bearbeitungen classi- scher Scliriltstelier, vor Allem aber verlangt die Wissenscliaft selbst eine strenge genaue Berücksichtigung alles dessen, was sich in irgend einem Gebiete nach Inhalt und Farm als neu an- kündigt. Zwar sind wir weit entfernt vpn deto Wahne oder Autoritätsglauben, welchem sich eine frühere Zeit so gern hin- gab, der aber auch jetzt noch seine Gültigkeit und iVacliwir^ kung nicht ganz verloren hat, als könne ein ÖJQfentlicli ausge- sprochenes Urtheil über Werth und Schicksal irgend eines iitte- rarischen Products auf immer und definitiv entscheiden, oder als wohne den zu Gericht sitzenden litterarischen Areopagideo eine solche Fülle der Weisheit und Erkenntnis«, eine solche Klarheit und Unfehlbarkeit der Einsicht u. des ürtlieils bei, dasg sich der Betroffene unbedingt dem Ausspriiche zu unterwerfen und gleichsam auf Gnade und Ungnade zu ergeben habe. Allelii dessen ungeachtet bleibt ein ötfentlich es Urtheil mehr odejr weniger für den Verf. eines litterarischen Werks lehrreich und wünschenswert!! insofern eine gewissenhafte und unparteiische Würdigung, grade durch die Verschiedenheit d,er Ansicht des Beurtheilenden der Erforschung und Ausmittlung der Wahrheit nur förderlich werden kann. Dazu kommt, dass nach einer sehr erklärbaren Neigung unsrer geistigen Natur manches Feh- lerhafte in unsern Leistungen dem eignen Auge verborgen bleibt, was sofort bei jedem minder befangenen Beschaiier Anstoss er- regt; dass ferner Localverhältnisse, Verschiedenheit der Zeit, des Orts, öffentlicher Einrichtungen und Verordnungen, ja dass ein hin und wieder geltender Massstab für pract. u. litter. Tüch- tigkeit, vor Allem, dass die Anforderungen u. Grundsätze einzel- ner Schulen und Disciplinen mehr oder weniger auf ein Geistes- product einwirken können, so dass es der strengen und ernsten, über alles Zufällige und Idiotische six;h erhebenden Wissen- schaftlichkeit zukommt, dem Idealen das Reale zu vergleichen. Gegebnes nach dem Massstabe des Möglichen und Wünschens- werthen, Nützliches nach dem Begriffe des Nothwendigen und Unentbehrlichen zu prüfen und auf diesem Wege Vollkomm- neres allmälig herbeizuführen. Freilich fragt es sich,* wer es wagen will und kann , als Repräsentant solcher ernsten, un- parteiischen, in sich selbst abgesciilossnen und weder zur Rech- ten noch zur Linken abweichenden oder dem Zeitgeiste und dessen zum Theil wunderlichen Phantasmen Jiuldigenden Wis- senschaftlichkeit aufzutreten, zumal in Zeiten, wo Autoritäten nicht bloss weniger gelten, als früher, sondern wo fast keine der einst begründeten unangetastet geblieben, oft von ziemlich unreifen Jüngern einzelnerSchulen mit Hast und Ungestüm ange- griffen und bekämpft worden sind. Rec. wenigstens hat sicli nie zu solcher Anmasslichkeit erheben können, als genüge es
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Rumigche Litteratur.
Fab: XXrX. Vs.lä:
/''"' "^iiin gequere; salutem tibi committo meani. Das Metrum wird durch Wortrersetzun^ liergestellt :
m'.,ii -Quin geqnere; salutenl c'omniitto tibi meam. Efteitso dürfte im vorhergehenden Verse zu Icsfen sein :
1 , iVon sufn in cainpo tibi par, sed suni süb dio.
-!. Fab. 3^iXX. Vs. 3 stellt diirckJ^i'uckfehler aqcißiraus statt
aCCepiraUS. ..);;r i .•" dnr^jrnr :t i
Was nuFi den Verfasser dieser Fabeln anbetrifft, sq äussert sich 0. S. 23r darüber l'olgendermaassen : ,,riaud cuncj,atus sum eorurp s^nteutiae acijederie, .quibus pro certo persuasum est, Fabulas ')^^XIL ah uno Perotto servatas huic hoiian^ oinnino tribui non pos]sie^;ja|i»is enira, quamvis tenues sint et exsangues, superant pQet|cam nostri Episcopi facultatera. ]\liuifja€ contra«: discrepare videtur et inventio et genus dicendi pqr se specta- tum a Phaedro dudum noto.
So sehr dies auch zugegeben werden muss.,, so folgt dar- aq§, dojch noch keiuesweges die Identität des Verfassers der* fünf Bücher Fabein mit, dem Dichter; fieser 32. Die Aehnlicbkei-^ ten in Darstellung und Inhalt können auch so erklärt werden, djjslraan den;; Vrerf asser der 32 Fabeln für einen Nachahmer des Phädrns erklärt, wie Fr. Jacobs annimmt in dem Aafjjatze: „Einiges über den Phädrus/' Allg. Schulzeit 1829. Abtii. 2. No. 129. S. 1061, wo er sagt: „Jene 32 Fabeln scheinen säramt- lich von einem Versificator herzurühren, der sich den Phädrus mit besonderer Vorliebe in seinen Vorzügen, wie in seinen Feh- lern zum Muster genommen hatte 1 — Wie man darauf gekommen ist, diesen Versemacher Julius Phädrus zu nennen, ist rä^iisethat't. id üeberden ühngjeu Inhalt des Buchs — Germanici.:Aratea, Pervigilium Vcneris, P. Syri sententiae — vielleicht in einem zweiten Artikel. G. Pinzger,
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C, Itilii Caes^Tis Commentarii de Bello Galltco et
Civilis • Für die Schüler der mittleren Classen deutscher Gynina-
f ' filer» bearbeitet von Anton Baumstark, Dr. Philos., Prof. an dein
i-^Gymnasiura zu Freiburg und CoHaborator an dem philol. Semina-
riuni der Universität daselbst. Freiburg, Gebrüder Groos 1832.
Dürfen wir mit Recht voraussetzen, dass vorliegende Aus- gabe der viel gelesenen und vielfach erklärten Commentarien Caesars sich bereits Bahn gebrochen und im Gebrauche mehr oder weniger Beifall gefunden, folglich eines nach mehrern Jahren erst erscheinenden öffentlichen ürtheilszu weiterer Em- pfehlung nicht grade bedürfe: so erfodert doch theils die Voll- ständigkeit literarisch- historischer üebersicht, welche sich nach Möglichkeit diese Jahrbücher ia ihrer Sphäre zum Ziele
Caesai-ia Comnientarlj •, bcarljcitct v. Bauinstai-k.
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gesetzt haben, tlieils das specielle Interesse einer gewissen Classe von Lehrern an neuen Ausgaben , Bearbeitungen classi- scher Schriftsteller, vor Allem aber verlangt die Wissenschaft selbst eine strenge genaue Berücksichtigung alles dessen, was sich in irgend einem Gebiete nach Inhalt und Farm als neu an- ki'indigt. Zwar sind wir weit entfernt vpn dem Wahne oder Autoritätsglauben, welchem sich eine frühere Zeit so gern hin- gab, der aber auch jetzt noch seine Gültigkeit und Nachwir- kung nicht gianz verloren hat, als könne ein Öffentlicli ausge- sprochenes ürtheil über Werth und Schicksal irgend eines litte- rarischen Products auf immer und definitiv entscheiden, oder als wohne den zu Gericht sitzenden litterarischen Areopagiden eine solche Fülle der Weisheit und Erkenntnis«, eine solche Klarheit und Unfehlbarkeit der Einsicht u. des Urtheils bei, dass sich der Betroffene unbedingt dem Ausspruche zu unterwerfen und gleichsam auf Gnade und Ungnade zu ergeben habe. Alleia dessen ungeachtet bleibt ein öffentliches Urt heil mehr oder weniger für den Verf. eines litterarischen Werks lehrreich und Avünschenswerth insofern eine gewissenhafte und unparteiische Würdigung, grade durch die Verschiedenheit d,er z\iisicht des Beurtheilenden der Erforschung und AusmittUmg der Wahrheit nur förderlich werden kann. Dazu kommt, dass nach einer sehr erklärbaren Neigung unsrer geistigen Natur manches Feh- lerhafte in unserii Leistungen dem eignen Auge verborgen bleibt, was sofort bei jedem minder befangenen Beschauer Anstoss er- regt; dass ferner Localverhältnisse, Verschiedenheit der Zeit, des Orts, öffentlicher Einrichtungen und Verordnungen, ja dass ein hin und wieder geltender Massstab für pract. u. litter. Tüch- tigkeit, vor Allem, dass die Anforderungen U.Grundsätze einzel- ner Schulen und Disciplinen mehr oder weniger auf ein Geistes- product einwirken können, so dass es der strengen und ernsten, über alles Zufällige und Idiotische sich erhebenden Wissen- schaftlichkeit zukommt, dem Idealen das Reale zu vergleichen, Gegebnes nach dem Massstabe des Möglichen und Wünschens- werthen, Nützliches nach dem Begriffe des Nothwendigen und Unentbehrlichen zu prüfen und auf diesem Wege Vollkomm- neres allmälig herbeizuführen. Freilich fragt es sich,* wer es wagen will und kann , als Repräsentant solcher ernsten, un- parteiischen, in sich selbst abgeschlossnen und weder zur Rech- ten noch zur Linken abweichenden oder dem Zeitgeiste und dessen zum Theii wunderlichen Phantasmen Iiuldigenden Wis- senschaftlichkeit aufzutreten, zumal in Zeiten, wo Autoritäten nicht bloss weniger gelten, als früher, sondern wo fast keine der einst begründeten unangetastet geblieben, oft von ziemlich unreifen Jüngern einzelner Schulen mit Hast und Ungestüm ange- griffen und bekämpft worden sind. Rec. wenigstens hat sich nie zu solcher Anmasslichkeit erheben können, als genüge es
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schon, nm iiber Andre richten zu können, in irgend einem Fache iitterarischer Thätigkeit sich dem Publikum gezeigt zu haben; grade als ob da, wo Gleiches zu Gleichem sich gesellt, nicht aucli kleinliche Eifersucht und Rivalität gar leicht einzu- wirken pflegte. Wie wir denn auch wirklich erlebt haben, dass einst der Verfasser eines theoretischen Werkes über praktisch- pädagogische Gegenstände nicht bloss bei jeder Gelegenheit anonym sich selbst und sein Werk als Fundgrube lobpreisend citirte, sondern grade an sein eignes Forum in streitigen Fällen mit ziemlicher Zuversichtlichkeit appellirte, Kläger und Rich- ter in einer Person vereinigend. Dergleichen üiigebiihrnisse erzeugte nicht selten Anonymität; noch mehr der leidige Egois- mus und der traditioneile Wahn, dass die übertragene oder usurpirte Macht auch Recht und Befugniss gebe. Derartige Auswüchse der Selbstliebe und Eitelkeit oder des anmasslichen Stolzes siehtunsreZeitzwarseltner, aber dennoch wünschten wir, dass in jedem öffentlich ausgesprochnen ürtheile über Geistes- werke aller Art die Individualität des Richtenden dem Principe der Wahrheitsliebe ganz untergeordnet, die Unparteilichkeit in dem Cliarakter eines Jeden so begründet wäre, dass auf eigene litterarische Leistungen in einem ähnlichen Fache nur mit der Strenge und Unbefangenheit eines historisch Referirenden Rücksicjit genommen würde.
Zu diesen Betrachtungen veranlasste der Beruf des Rec. über obengenannte Ausgabe der Commentarien Caesars öffent- liche Rechenschaft zu geben, in wie weit nämlich das Werk in dieser Gestalt seinem Zwecke entspreche; in wiefern das Sprachstudium durch dasselbe gefördert werden könne; ob die Erklärung des Schriftstellers durch den Commentar des Her- ausgebers gewonnen habe; welche Methode der Interpretation derselbe befolgt, und welche Sbelle überhaupt die ganze Arbeit im Gebiete der lateinischen Sprachwissenschaft einnehme. Diese Aufgabe würdig, ja nur genügend zu lösen, halten wir an sich für schwer; missHcher noch schien es uns, wenn wir bedachten, wie leicht selbst gegründeter Tadel den Verdacht der Eitelkeit oder Anmassung auf sich ziehen könne, da Rec. zufällig ein und dieselbe Bahn mit Hrn. Baumstark, obgleich früher, betreten hat, und das cedendum esse primo occupanti, auch in unsern Tagen, besonders bei Schulbüchern aller Art, von manchen Vorfechtern geltend gemacht worden ist. Dess- halb wollten wir nur ein für allemal für unsre Leser bemerken, dass wir von unsrer Person auch in litterarischer Hinsicht gänz- lich abstrahiren; an irgend eine merkantilische Concurrenz nicht entfernt denken; unser bescheidenes und gemässigtes Ur- theil durch Gründe zu motiviren suchen und jedem Unbefange- nen die freie Wahl zwischen unserer Ansicht und Behauptung und dem vorliegenden Werke überlassen werden. Wir hoffen
Cacsarid Commentarily bearbeitet von Baumstark. 23
uns 80 auf den der Wissenschaft allein förderlichen und ihrer würdigen Standpunkt gestellt und den Verfasser auf diese Weise und in solcher Gestalt am Deutlichsten unsrer Hochachtung ver- sichert zu haben.
Die Vorrede des Verf. ist von der Art, dass sie eine be« Bondre und ausführlichere Berücksichtigung erfordert. In ihr nämlich spricht der Verf. nicht blas die Grundsätze ans, die ihn bei Abfassung seines Commentars geleitet haben , sondern beurtheiit zugleich die verschiedenen Ansichten Andrer; theilt nebenbei seine Erfahrungen mit, und berührt somit das sehr anziehende und mannigfaltige, sich täglich erweiternde Gebiet pädagogischer Gymnasialpraxis. Es sei erlaubt, die Sache von unbestimmtem Umfange mit diesem Namen zu nennen; die Männer vom Fache verstehen den Rec, und eben so begreifen sie, wie lehrreich und nützlich es sein würde, wenn Schulmän- ner über ihre Methodik und die erzielten oder gewonnenen Re« sultate gelegentlich in Programmen unparteiischen Bericht er- statteten; wenigstens wäre dies ein zuverlässigeres Mittel, Schulen und deren Wirksamkeit in ihrem Innern zu beurtheilen, als pomphaft angekündigte und reichlich ausgestattete Lections- pläne diess zu thun vermögen. Der Verf. hat aber durch seine Andeutungen den künftigen Beurtheiler seines Werks fast be- dingt; er verlangt gewissermassen einen Schulmann, als den- jenigen, der, andre Eigenschaften vorausgesetzt, zunächst befähigt sein dürfte zu entscheiden, ob diese Ausgabe ihrem nächsten Zwecke entspreche oder nicht? Recens. ist wenig- stens Schulmann, und zwar seit einer ziemlichen Reihe von Jahren, und hat überdiess auf verschiedenen Stufen praktischer Thätigkeit gestanden, auch so manche nicht ganz unreif befun- dene Früchte an seinen Zöglingen zu Tage gefördert, über so manche Erscheinungen im Schulleben hinreichende Erfahrun- gen gesammelt, die Bedürfnisse der Schüler in besondern Jah- ren und Verhältnissen kennen gelernt, auch über Methodik vielfach nachgedacht, so dass er sich nicht für ganz unberufen zu halten , über solche und ähnliche Dinge ein Ürtheil abzuge- ben, Ursache zu haben glaubt. Wird sich aber aus dem Fort- gange unsrer Untersuchung ergeben, dass Rec. in gar vielen Punkten von Herrn Baumstark abzuweichen und ganz andrer ©der verschiedener Meinung zu sein sich aus Gründen veranlasst findet; so soll diese Discussion wenigstens so geführt werden, dass der Leser sich überall in den Stand gesetzt findet, nicht bloss die abweichende Meinung deutlich zu erk-ennen, sondern auch die theoretischen und praktischen Gründe einzusehen und abzuwägen, und dann nach Belieben sich für die eiue oder andre Ansicht zu entscheiden.
Zuvörderst spricht sich nun der Herausg. in der Vorrede über die verschiedenen Grundsätze aus, denen die Gelelirte/i
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in Behandlung classischer Schriftsteller, die fiVr Schulen be- arbeitet erschienen, zu huldigen pflegten. Er tlieilt diege An- sichten und Principien in drei Classen ; von denen die eine den blossen, correcten Text; die andre einen sparsam ausge- statteten, nur das dem Schüler Nothwendigste berücksichti- genden Commentar; die dritte eine vollständige Erklärung der Sprache und Sachen als Zielpunkt desStrebens empiälilen. Hr. Baumstark seiner Selts findet sich durch die geraachte Erfah- rung, dass in gelehrten Schulen einmal die Zahl der mittel' 7n ä s sig e?i Köi^fe die überwiegende, sodann, dass nur einsehr kleiner Theil für eigentlich philologische Studien bestimmt ist, bewogen, „diejenige Ausgabe eines classischen Schriftstellers als die zweckraässigste für Schüler anzuerkennen, welche Alles dasjenige enthält, was der Schüler sich nicht selbst geben kann oder wozu bloss mechanische Mühe und Zeitaufwand nothwen- dig ist; eine Ausgabe, durch welche der Lernende für die Er- klärung und üebersetzung des Schriftst. in der Schule selbst sich so gut vorbereiten kann, dass dann derLehrer die Lektüre dea Autors in weit kürzerer Zeit für den giössten Theil der Lernenden nützlich und zweckmässig einrichten, namentlich auf eine richtige und geschmackvolle üebersetzung mehr Gewicht ('?) legen kann; namentlich eine Ausgabe, die für die Leetüre des Schriftst. das leistet, was dem Schüler die Schulgrammatik zur Erlernung des grammatischen Baus der Sprache leisten muss." So S. V. Auf diesem Wege hofft der Merausg. Gründlichkeit und Fertigkeit in der Sprache zu erzielen, Uebrigens sollen sich die Anmerkungen streng und ausschliessend auf dieSprache des Schriftstellers beschränken; Vergleiciumg mit andern, Zeitgenossen sowohl als Früheren oder Späteren, sei ganz zu vermeiden, indem der junge Leser dergleichen Parallelen nicht zu beurthellen verstehe. S. VII. Im Allgemeinen habe der Herausg. gefunden, dass seinem Plane sich am meisten genähert Dohne s Ausgabe des Cornel. Nepos, Helmstedt 1830; nach sol- chem Massstabe wünsche er auch seine Arbeit beurtheilt zu sehen, und bemerkt nochmals, S. Xu. XI, dass sie bloss für Schüler und durchaus nicht für Lehrer bestimmt sei.
Dabei drängten sich aber dem Rec. so vielerlei und ge- wichtige Bedenklichkeiten auf, dass er in der That nicht weiss, wie er sich am leichtesten und sichersten aus diesem Labyrinthe widersprechender Meinungen herausfinden solle. Zuerst wagt Rec. fast einen Gewaltschritt, wenn er behauptet, dass er für Beine Person die Ausgabe des Hrn. Baumstark lieber noch dem angehenden Lehrer zu empfehlen sich getraue, als dass er es über sich gewinnen küime, dieselbe für Schüler auf der be- zeichneten Bildungsstufe als zweckmässig anzuerkennen. Die Beweise werden weiter unten folgen. Sodann kann sich Rec. nach der auch ihm zu Gebete stehenden Erfahrung nimmermehr
Caesans Coramentarü, bearli. von Baumstark. 25
überzeugen, dass ein Convolut von so vielen mid in solcher Form gegebnen Anmerkuni^eu sich zur Vorbereitung eigne; eher noch und in allen Fällen, wo der Masse so viel gegeben ist, kann die JFiederhohmg iiurch ähnliche Commentare geför- dert, und die Interpretation seihst während der Lehrstunden, durch Verweisung auf die Anmerkk. erleichtert und beschleu- nigt werden. Ferner, was will der Herausgeber sagen, wenn er behauptet, S. V, die vorliegende Ausgabe so41e dem Schüler dasjenige geben , wozu bloss mechanische Mühe und Zeitauf- wand nothwendig sei*? Soll sie etwa dem Schüler das Aufsu- chen unbekannter Wörter und Wortformen ersparen uud den Gebrauch des Lexikon's entziehen? Mchts kann unpädago- gisciier, nichts verderblicher, nichts die Bequemlichkeit und Erschlaffung befördernder sein, als solche angebliche Erleich- teruug. Wer kennt nicht in unsern Tagen die unsäglich nach- theilige Einwirkung der überall wohlfeilen Kaufs zu habenden deutschen üeberselzungen auf die gründliche, grammatische Erlernung und Auffassung der Sprachen? Wertadelt nicht mit Recht die von Hrn. Möbius, Aqw Rec. in andrer Hinsicht hoch- schätzet, in seinen Ausgaben des Cäsar nnd Cicero befolgte Weise, ganze Stellen deutsch wiederzugeben, statt sich mit einfacher, grammatisch- historischer Interpretation zu begnü- gen? Nur einzelne ^^wz schwierige o^^v zweideutige Stellen; nur einzelne Wörter und deren Begriffsbestimmungen mögen kurz und genau bezeichnet und auf die möglichste Ueberein- stimmung mit unsrer Denk- und Sprechweise zurückgeführt werden? Allerdings hat Herr Baumstark diese Interpretation nicht übertrieben, hat sich vielmehr auf Erklärung einzelner Wörter beschränkt; diese aber auf eine Weise gegeben, die fast dem Lexicon vorweggenommen ist; und gesetzt, sie wäre auch die riclitige, was wir gar oft bezweifeln müssen, so wird doch der Schüler dem Wörterbuche entfremdet. Rec. hat in seiner praktischen Wirksamkeit nie reifere und bleibendere Früchte seines in drei obern Gymnasial- Classen ertheilten la- teinischen Unterrichtes gewonnen, als da, wo sich die Schüler genau und sorgfältig mit Hülfe des Wörterbuchs vorbereiteten, der Erklärung des Lehrers während der Lehrstunde aufmerk- ^ sam folgten und dann die etwa vorhandnen Commentare nach seiner A7igabe benutzen lernten. Diese Benutzung ist während des Unterrichts eine nur beschränkte, ausgenommen in der obersten Classe; aber für den PnVa/fleiss', namentlich für die Wiederholung eine ausgedehnte. Dagegen kennt Rec. nach seinem Gefühle keine mehr anekelnde und widrige Seuche so- genannter gelehrter Schulen, als wenn sich die Schüler einer Classe zu einem oberflächlichen Verständnisse eines Schrift- stellers dergestalt für befähigt halten, dass sie des Wörter- buchs nicht mehr zu bedürfen wähnen; d. h. wenn und wo sie
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sich nicht mehr genau nach der Grundbedeutung, nach der etymologischen Form , nach dem Sprachgebrauche, den auch das Wörterbuch nachweist , sorgfältig zu erkundigen und um- zusehen pflegen. Denn grade durch diese Art der Vorberei- tung wird ganz vorzüglich die Möglichkeit, künftig einmal cor- rekt lateinisch zu sprechen und zu schreiben eingeleitet und hauptsächlich mit bedingt; zu geschyveigen, dass auch auf sol- chem Wege dem Gedächtnisse, dem leicht ungetreuen und ver- gesslichen, hülfreiche Hand geleistet wird. — Sodann wünscht Herr Baumstark, der Schüler solle durch solche Commentare dergestalt vorbereitet in die Lehrstunden kommen, dass der Lehrer nur abzufragen habe, was durch den Privatfleiss ge- wonnen sei, und nachdem etwa Fehlendes ergänzt worden, die üebersetzung als eine Hauptaufgabe zu lösen übrig bleibe. Diese Methode würde uns, wären wir dazu verdammt, grosses Missbehagen verursachen, so wenig, wenn wir einmal Gäste bei uns sehen, es uns behagt oder zusagt, dieselben bereits halb gesättigt zu ünden; oder, um ein ernsteres Beispiel aus der Erfahrung zu entnehmen, so wenig wir uns mit Schülern und Lehrern befreunden können, die ein auf einer niedern Stufe praeoccupirtes oder praecipitirtes Wissen zur Schau tra- gen. Es ist nämlich nicht selten, dass hin und wieder in der Praxis der Standpunkt einer Classe nicht festgehalten und aus allerlei Ursachen wahre Allotria getrieben werden, oft bloss um den Kitzel tiefer Gelehrsamkeit zu stillen. Wir wünschen uns unsrer Seits immer mit- dem Inhalte des zu behandelnden Abschnitts eines Autors bekannte, den Sinn der Worte im All- gemeinen begreifende, vor allem mit den Elementen und Be- standtheilen der Sprache vertraute Schüler ; Hie Erklärung selbst inuss materiell immer einen und denselben Zweck verfolgen, darf aber durchaus nicht nach einem und demselben mechani- schen Modell gegeben werden. Vielmehr möge der Schüler jedesmal sich einer Abwechslung der Behandlung erfreuen; stets auf das, was vom Lehrer gesagt und vorgetragen wird, gespannt sein, nicht wissend, welcher Weg zum Ziele einge- schlagen werden dürfte; der Commentar aber diene erst nach der lebendigen Interpretation entweder zur Vervollständigung und Bestätigung, oder dem leicht Vergessenden zur Erinne- rungstafel! So hat es Rec. sogar mit dem von ihm selbst ge- gebenen Commentar zu versuchen rathsam gefunden und einst eine dritte Gymnasialclasse aufweisen können, die der geniale, allem Pedantismus und Maschinenwesen von Natur durch und durch abholde unvergessliche Reisig seines vollen Beifalls nicht nur für würdig hielt; eine Classe von Schülern, die derselbe sogar eine Stufe höher zu stellen kein Bedenken trug.
Wir müssen dabei noch aufmerksam machen auf mögliche Consequenzen, welche alle zum Nachtheile der vorgeschlaguen
Caesaris Commentarli , bearb« von Baurastaik. 27
Methodik ausfallen dürften. Ist nämlich irgend ein Coramentar iiil'ailllbel'? giebt es nicht Fälle, wo selbst der möglichst voli- koramne einer Verbesserung und Berichtigung bedarf? ist aber der ünterriclit nicht zunächst berufen und bestimmt durcli Gründe^ durch Entwickelung der Begriffe, durch lebendige Veranschaulichung des theoretisch und historisch Gegebnen, Ueberzeugung von der Wahrheit und der Nichtigkeit der Dinge zu bewirken, folglich auch in Ä/prflcÄew das Vorhandene und Bestehende möglichst auf Grundsätze der Vernunft, auf Regeln des Verstandes zurückzuführen*? Wie, wenn nun ein Lehrer und selbst Hr. Baumstark, nach kurzer Zeit eingestehen müsste, dass gar vieles des von dem Schüler aus dem Coramentar Er- lernten falsch oder hinkend oder unbestimmt sei, und die Lehr- stunde nur mit Berichtigung u. Vervollständigung U.Ergänzung des im voraus Aufgefassten zugebracht werden müsste? — Nicht zu erwähnen, dass die vorgeschlagene Methode, den Coramen- tar als einen Instructor zu betrachten und zu benutzen, auf die- ser niedern Bildungsstufe leicht dünkelhafte und voreilige Sub- jekte heranziehet, oder solche, deren Kraft und Aufmerksam- keit vor Beginn der Unterrichtsstunde abgespannt und zerstreut ist. Denn aufrichtig gestanden, wir würden den Knaben be- dauern, dem neben so vielen andern Aufgaben des Lehrcur- sus zugerauthet würde, statt des einfachen Lexicons und seines Verstandes und der bereits erworbenen grammatischen Vor- kenntnisse bei der Präparation sich zu bedienen, durch einen so reich ausgestatteten CoAimentar sich durchzuarbeiten und darüber Ton und Klang der Sprache, den Geist des Schriftstel- lers, die dargestellten Sachen und Ereignisse, den Zujäammen- hang mit dem Früheren, kurz den Totaleindruck, den jedes Neue auf das jugendliche Gemüth zu machen pflegt, ganz oder grossentheils einzubüssen. Dazu kommen noch zwei wesent- liche üebelstände, ein innerer und äusserer. Herr Baumstark pflegt nämlich in den meisten Fällen die gewählten lateinischen Gratnmatiken, zur Erläuterung irgend einer Eigenthümlichkeit der Sprache, bloss nach §§. zu citiren, ohne den Hauptpunkt oder die Quintessenz der in Frage stehenden Regel genauer anzugeben, so dass es dem Schüler anheim gestellt wird, sich selbst zu informiren; welchem Grundsatze oder Sprachge- brauche es eigentlich gelte. Soll diess bei der Vorbereitung von Seiten des Knaben geschehen, so ist entweder flüchtige, ober- flächliche Ansicht zu befürcliten, oder was nicht selten der Fall, anzunehmen, dass der Schüler manche Regel des Grammati- kers nicht versteht. Oder giebt es etwa eine latein. Sprach- lehre unter den von Hrn. Baumstark genannten, die so fasslich, so bündig, go bestimmt und genau in ihren Lehrsätzen sich ausspräche, dass nicht der erläuternde und erklärende Beirath des Lehrers erfordert würde? Reo. hält es nach seiuem Er-
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messen für unpädagogisch und geisttödtend, jenem Älter von Knaben, das man in der Regel in einer dritten Gymnasialclassc antrifft — die Theorien der Grammatiker in der Form aufzu- bürden, in welcher dieselben namentlich von einigen Gramma- tikern ausgesprochen und hingestellt worden sind. So manche Stelle in Zumpt's, in Ramshorn'a grössrer Grammatik, bedarf der Erläuterung; ja Rec. trägt kein Bedenken zu gestehen, dass er seiner Seits Schüler solcher Classen zuerst veranlasst, sich selbst in der möglich einfachsten Weise die Regel zu con- htruiren, und ihnen dann erst zur Bestätigung und Bekräftigung den wissenschaftlichen Sprachlehrer vorführt; denn dieser ver- langt wenigstens, so wie wir die Sache kennen, seinen tüchti- gen Secundaner oder Primaner. Ein zweiter, äusserer üebel- f-tand ist der, dass Hr. Baumstark, wo er auf frühere Anmer- kungen verweiset, durch die Einrichtung seines Commentars jiiclit für das leichtere Auffinden der angezognen Stelle gesorgt iiat. per Comuientar ist fortlaufend ; die Massen sind gehäuft; .'•chwer und zeitraubend, oft fast unmöglich dürfte es dem Kna- ben werden, das Wenige oder Viele herauszufinden, was ihm grade zu wissen Nolh thut. Dieser üebelstand macht sich be- sonders in den Büchern de Bell. Civ. bemerklich, wo meist nur Verweisungen auf Früheres gegeben werden.
Können wir also der Methode des Hrn. B. nicht beistim- men und finden wir in dieser Hinsicht den Plan verfehlt, so zeigen sich uns noch manche andre Mängel in der Form^ in welciier die zahlreiehen Anmerkungen gegeben sind. Die Dar- stellung und Sprache erscheint uns nämlich keineswegs so con- cinn, so bestimmt und bündig, dem jugendlichen Alter so an- gemessen, dass wir sie empfehlen möchten; selbst die Cor- rektheit des Ausdrucks dürfte man hin und wieder vermissen. Die Belege werden sich weiter unten finden, wenn wir d^s Ma- teriale genauer prüfen. Es wird sich auch zeigen, dass ^^^Q\\ die Richtigkeit der gegebnen Erklärungen sich mancher gegrün- dete Zweifel erheben dürfte. In dieser Hinsicht bleiben wir denn bei dem Resultate stehen, dass für Gymnasialclassen, der- gleichen sich der Herausgeb. gedacht hat, die von Andern be- folgte Art und Weise der Erklärung sich bei Weitem mehr und besser eignen möchte; wir denken zunächst an das von Fr. Ja- cobs in den griechischen Chrestomathien, Attica, Socrates und in der Anthologie befolgte Verfahren; wir denken an Held im Bell. Civ. und an den seinem Vorbilde musterhaft nacheifernden Fabri in dessen Ausgabe des Sallust. Wir müssen selbst des trefflichen Bremi und der Eclogae Ciceronianae von Olivet und Ochsner gedenken, als solcher Muster, die mutatis mutandis Fingerzeige gegeben haben, wie Gründlichkeit, Zweckmässig- keit und Geschmack vereinigt werden können, wie insbesondere darauf hinzuwirk eu sei, dass ein wissenschaftliches Princip mit
Cacsarls Comnientarii^, l^earb. von Baumstark. 29
anregender, die Selbstthäticrkeit des Geistes fordernder Metlio- dik gepaart bleibe. Herr Bäumst, giebt zwar ebenfaiis HeLd^s Bearbeitung t>er Commentarien mit vollem Recht den Vorzug vor andern ähnlichen ; meint aber, das Ziel jenes Gclelirten sei rein philologische OHdung gewesen, und an solcher nehmen doch nur AVeiiige Theil. Allein hier scheint unsein Irrthnm vorzuwalten, den wir zwar nicht beseitigen werden, doch aber erwähnen miVssen. Wir bestreiten nämlich die Ansicht, als ob in gelehrten Schulen, Behufs einiger oder vieler, den prakti-' sehen Studien oder gemeinhin den Brotwissensdiai'te«, zunäclist sich zuwendender- Schüler, das reiji \m^ ächt^grainmalischa Princip des Sprachunterrichts aufgegeben ader hmtangesetzt werden müsse; wir behaupten vielmehr , dass es für alle Gym- iiasialclassen hur eine Uichtscftnur des Unterrichts in den alten Sprachen giebt, nämlieh Gründlichkeit des Wissens, Einsicht in dtn Bau und Organisnfins der Sprachen», Anwendung dersel- ben mit klarem Bewue'stsein der Regeln, formale Bildung und- Erweckuuir aller Geisteskräfte durch die Leclüre und Verknü- pfung und Verbindung des Mannigfaltigen in der' Sprache und, ihren Schätzen, durch diö nachzuweisende Analogie und Har- monie mit den Gesetzen des allgemeinen Menschenverstandesi und der Vernunft. Desshalb $oU keine Sprache, »m Svenigsten die sögenanntentodten, classischen'Sprachen^ als ein kaltes u.kahleSj lebloses Gerippe klappernden Regelwerks hingestellt werden, der lebendigen Jugend eine wahre Vogelschew-che; eben so wenig sollen dieselben, am meisten freilich die lateinische, zu einem blossen Utensil für geläufige, oft auch gesiihmackiose und inkorrekte Mittheilung der Gedanken entwürdigt werden: vielmehr soll der jugendliche Geist an diesem Musterbildern- zur eignen; innern, freien Thätigkeit sich erheben und stär^^ ken, seine Denkkraft, sein ürtheil, die ünterscheidungsgabe an der fremden Sprache üben, und an dem abgeschlossnen, in sich consolidirten Regelwerke^ der classischen Sprachen den Organismus' der Menschenspräche, als einer Mathematik des Verstandes und der Vernunft j erkennen lernen. Dass man solchen Zwecks halber nicht Regeln und Lehrsätze neu con- strulren dürfe, zu welchen sich in einer Sprache keine histo^- risch begründete Veranlassung findet; dass man sich nicht zu** verwegenen Analogien hinreissen lasse, sondern mit dem Gegeb* nen sich begnügen und nur auf dieses bauen dürfe, versteht sich von selbst; aber der Geist rauss überall über dem Wasser schweben, das Todte muss sich beleben, das scheinbar Me- chanische muss zum Organischen sich gestalten. Nur durch Bewusstsein einer solchen Bestimmung, nur durch das Streben nach einem so belohnenden Ziele unterscheidet sich ein Prae- ceptor von einem Lehrer, der Herausgeber eines Schriftstellers für Gjmnasialschüler voa einem blossen Commeutator. Ein
so Römische Litteratur.
golclies Ziel scheint uns Hr. Bäumst, sich niclit lebhaft ^enug vergegenwärtigt zu haben; daher denn so Vieles, was wir gern entbehrten; so Manches, was offenbar unpassend und der Ju- gend wenig oder gar nicht förderlich genannt werden niuss. "Wiewohl wir noch zum Schlüsse dieser allgemeinen Bemerkun- gen eingestehen, dass es weit schwerer sei, Weniges aber Zweckmässiges für eine bestimmte Classe von Lesern zu geben, als Vieles und möglichst Vollständiges für Alle, die in den Be- reich der Lektüre kommen könnea.
Nach der Vorrede giebt Hr. B. in einer ausführlichem Einleitung biographische und litterarisch -Iiistorische Nach- weisungen über Caesar. Ist eine solche üebersicht auch nicht unzweckmässig zu nennen, war sie vielmehr zum Verständniss der historischen Schriften nothwendig; so dünkt uns doch, als habe die Sache kürzer gefasst ,, Manches dem l]istorischen Unterrichte und der Lektüre der Commentarien selbst anheim- gestellt oder zugetraut werden können, zumal da die Darstel- lung durch manche Eigenthümlichkeilen des Styls sich nicht grade als musterhaft empfiehlt. Auffallend ist dab^i S. XXII, dass Octavianus August» der SoJm 6et Schwester Caesars ge- nannt wird, der S. XIII richtig als der Enkel ebenderselben bezeichnet ist; auch befremdet; dass die Verbesserung und Berichtigung des Kalenders dem Caesar allein zugeschrieben wird, des Sosigenes keine Erwähnung geschieht. Dagegen glauben wir, dass eine kurze Charakteristik der Commentarien als solcher, und eine dem jugendlichen Alter fassliche Auf- merksamkeit und Beachtung erweckende Vergleichung dieses historischen und literarischen Denkmals mit andern classischen Werken derselben Art, ganz an ihre Stelle gewesen wäre; des- sen, was darüber S. XXVI von dem Herausg. gesagt ist, ist gar zu wenig. Doch wir wenden uns zu dem Commentare selbst, und wählen zur Begründung unsers allgemein ausgesprochnen oder angedeuteten ürtheils die ersten 15 Kapitel des I. Buchs de Bell. Gall., wobei wir jedoch die übrigen jheile des Werks nicht ausser Acht lassen werden.
Im Allgemeinen verräth aber der Herausg» eine dem Schü- ler weniger als jedem Lehrer beachtungs- und achtungswerthe Bekanntschaft und Vertrautheit mit seinem Schriftsteller; denn überall die zahlreichsten Nachweisungen des eigenthümlichen oder ähnlichen Sprachgebrauchs, nur, wie das häufig auch Andern ergangen ist, nicht überall mit ganz strenger Sichtung des Aehnlichen von dem Gleichen. Sodann erkennt Jeder das beifallswerthe nach möglichster Vollständigkeit, in der einmal von dem Verf. gewählten, uns aber weniger zusagenden Weise; daher die reichhaltige und durch zahlreiche Citate aus latein. Grammatikern unterstützte Interpretation , wobei auf die Jiea- lien gebührende llücksicht genommen und manche von Andern
Caeäarld Commentarll , Learb, von Baumstark. 31
unbeachtet gelassene Stelle richtig gedeutet und erklärt wor- den ist. Endlich müssen wir der Methode, von Zeit zu Zeit Fragen über vorkommende Fälle Iiinzustellen, als einer in Praxi nicht unzweckmässigen gedenken, wofern dieselben nur gehörig raotivirt und so angebracht sind , dass deren lieant- wortung wirklich auch von dem Schüler gefordert oder aus dem Früheren von ihm entnommen werden kann. Denn ist diess nicht möglich oder nur halb zu bewirken ; dann erinnern diese Fragezeichen an ein bekanntes Lehrbuch der Rom. Alterthü- mer, das oft gewaltig neugierig macht, wie wohl dergleichen räthselhafte Fragen von dem, der dieselben aufgeworfen, be- antwortet werden möchten. Auch müssen wir offen bekennen, dass unserm Gefühle dergleichen Fragestücke nicht zusagen;; dass uns eineinfacher Fingerzeig, histor. od. apodiktisch gegeben) weit besser gefällt, als der Würde eines Commqntars angemes^r. lier; manches, was bei dem Unterrichte ganz passend ist, er^ innert, in Buch und Rechnung gebracht, zu sehr an das 2W- vium^ und Jedermann fühlt doch wohl, dass dje alten Autoren auch als moralische Personen eine ehrerbietige äussere Behand- lung verdienen. Doch auch in diesem Punkte ist der Geschmack wunderbar verschieden; giebt es doch eine Ausgabe eines histo- rischen Theils des griech. N. T. , bei welcher dergleichen Fragen nicht unangemessen befunden wurden. Wir nehmen jedoch die Früheren lieber zum Muster, und. behalten uns der- gleichen pädagogische Mittel für die Schule v^r.
Indess wir kehren zurück zur Hauptsache. Hatten wir näm- lich die guten Seiten des Comraentars im Allgemeinen angege- ben; 80 liegt es uns nunmehr ob, nachzuweisen, in wie fern wir in den Anmerkk. des Hrn. B. gar Manches ^q^bestimmt und unklar, Mehrere» gradezu falsch, Einiges ganz überflüssig ge- funden haben. Die beiden erstem Mängel fallen oft ziemlich 80 zusammen, dass wir sie im Fortgange der Untersuchung ais^ vereint behandeln^
Zuerst gleich nehmen wir Anstoss an der Erklärung von Gallia est omnis divisa^ wo «war die Worte gedeutet werden: Gallien im Ganzen genommen, im Allgemeinen als ein Land betrachtet; aber hinzugefügt wird: der Nachdruck liege auf omnis unA Caes. spreche durch diese Wortstellung viel devit- licher, als wenn es hiesse: omjiis Gallia est divisa, Sodann wird von Hrn. B. noch eine andre Erklärung als beachtenswerlh beigefügt, nach welcher Gallia omnis sei, der von den Römern noch nicht unterjochte Theil Galliens, so wie bei Tacit. Germ. 1. Germania omfiis bezeichne das eigentliche Stamraland der Germanen; folglich solle man omnis fassen als eine Gesammt- heit bezeichnend, die als ein ursprüngliches Ganzes in Gegen- satz getreten ist mit den Theilen, die sich später davon abge- trennt (?) haben; also sei omnis = omnis reliquus. — Gleich
23 Römische Litteratur.
darauf werden die Synonymen von Hm» B. aufgeführt, wonach omnis bedeute: all und jeder. — Wirwissen nicht, was wir hier zuerst ^ügen oder ob wir nicht- den Tertiajie)' am meisten bedauern sollen, weicliem aufgetragen ist, sich durch diesen Irrgarten hiudurchzuwinden. Denn 1) hat Hr. B. sehr unrecht gethan, zwei ga^iz heterogenfe Begriffe zuletzt in eine7i zu ver- schmelzen, indem omnis an sich i^ie und nimmer gleich ist dem: Omnis reliqtius. Vergl. weg. rö/^^'^ Stiirfen bürg Clci pro Arch. p. 95. 2) Der Nachdruck liegt keineswegs auf o?7?wisf, sondeta der Hauptbegriff, d. i. der logisah - betonte ^ dem Schriftsteller hier zunächst vorschwebende ist und bleibt GaUid\ veirgl' Wal- ther zu Tacit. Gerrtian. 1. Waruiii*? ist ganz einfach z\i ermes- sen. Den Römerti schwebte, 'Wenn sie Gallia sagten, kein an- drer Begriff Vor-, als der des fhhöli- damals noch unbekannten, von ihnen iiofch riiicht besiegten 'Landes V denn Caes. unterschei- det deutlich die JVot^wc/ß. 8)' Om^eV vvird ärti richtig'sten ge- deutet durchi'kif^ej^, was G^ö///e?zÄ^ii«s'*^,' alle«' Land, was man untt^f^ diesem' Namen begreift; G?i\\\Q.i\ züsarimtien^enotnmen'^ dergestalt; daj^s' ein Deutscher leicht in ähnlichen Fällen ver- fuhrt werden könnte zu schreiben i Gallia omnino di^isa lest. Weit entfernt nämlich ,dasS oTw/ie^-^in- rein quäViUtativer Be- griffwäre, der eine' <fonct*ete Masse iriüteriell bezeichnete, liegt in omin$ eine Operation de^ Verstandes, das heisSt, daö Prä- dikat der im Verstände züsammengefassten, *u wnerti Totale logiscli vereintefrt Vielheit und Mannigfaltigkeit wird auf ein bestimmtes Subjekt bezogen. D«ir«hi lie^t in o/?i?2!Vangedeutet eben sowohl Gleichheit der wesenllichen Metlimale verwandter Subjekte, als di^ Vöreihigiing des Verschiedenen zu einer Ge- sammtvorstellung. Diess lehrt schon die Redensart' : ßrf-MW?//« omnes; so wie ^fir nicht zweifeln,' dass Omnis rti\i'6]i6q und 6\iov verwandt, nach der Analogie von om/zmo aber 2u 'schlies- sen, das Wort eine Mischung des 6ftoi5 und kvog^ ans welchem das spätere w/?z/6', so dass omnis ursprünglich gleich: zusam- men ei«s; gradö, wie wir sagen: «//e zusammengenommen; ein Ausdruck, der ebenfalls 2iXk e.me logische Combination er- innert. Doch sei dem, wie ihm wolle, dem Zwecke der Schule und dem vorscijwebenden Plane gemäss j brauchte hier bloss, nächst der Bedeutung, auf die Stellung der Worte aufmerksam gemacht zu werden, namentlich, dass Caes. nicht schrieb: Gallia omnis divisa est etc. sondern: Gallia est omnis etc. Da die Grammatiken über diese Stellung des Verb! substant. im Ganzen wenig sagen, doch vergl. Schulz ausfuhr!. Gr. S. 64-1 und des Rec. Ausgabe de Bell. Civ. S. 156, so wäre es zweck- mässig gewesen zu bemerken, dass Caes. durch diese Voran- stelluug des est offenbar das bestehende, unleugbare FaUum als solches hervc'rheben wollte, nicht den Begriff' der Einthei- Jiung als solcher; so wie Nvir etwa umschreibend sagen würden:
Ciicsaris Comiucntarii , bearb. von liuumstark« S^
Gallien hat, so weit dieser Name reicht oder gilt, der Theile, aus denen es besteht, oder in die es zerfällt, drei. Einen gpeciellen Grund, wesshalb Caes. hier grade diese Wortstellung wählte, könnte man darin suchen, dass er der herrschenden Meinung, als sei das Land von einerlei \o\ke bewohnt, gleich Anfangs vorbeugen wollte. — Zu dem Gebrauche von alias statt alter bei Aufzählungen wäre wohl für jüngere Leser beizu- fügen gewesen, dass alius nur in solcher Verbindung als Wech- 8elbegrifFvona//er gesetzt wurde ; sodann, dass es nicht stehen würde, vf^nn primus vorausgegangen wäre. Zugleich würden wir auf den Griind dieser Bedeutung hingewiesen haben, da- mit der Knabe nicht Willkür verrauthe. Von instituta wird ge- sagt, sie wären Gebräuche, Observanzen u. s. w., die von Jeder- mann beobachtet würden, obgleich ohne gesetzliche Kraft der Bestrafung, Ist diess verständlich 'J Wenn ferner cultus auch alle Bedürfnisse des Lebens bezeichnen soll, wie pag. 3 gesagt steht; so ist dieser Begriff viel zu weit gestellt, und durch den Sprachgebrauch nimmermehr zu rechtfertigen, so wenig aU durch die Etymologie: ja selbst die hier stattßndende Verbin- dung mit hu7nanitas sollte von solcher Missdeutung abschrecken. Die Worte minime ad eos mercatores saepe conimeant können keinen andern Sinn geben, als : am wenigsten verkehren Kaufleute mit ihnen oft, oder haben mit ihnen oft Verkehr. Hat nun FIr. B. Recht zu bemerken, AdL^^saepe logisch und syntaktisch zu conuneare gehöre, nicht aber mit minime zu verbinden sei, wie Rec. in seiner Edit. meinte, so sind doch abermals zwei Behauptungen schwankend und unsicher, ja fehlerhaft: erstens, dass saepe comvieare zu e//2e?/i Begriffe verschmelze ; sodann, dass minime heisse: durchaus nicht. Vielmelir schliesst sich minimeque ganz eng an das Vorausgegangne: longissime absunt an, und bezeichnet nur den geringsten Grad im Vergleich zu den übrigen. Also, meint Caes., kamen wohl einzelne Kauf- leute zu ihnen gereist; aber grade zu ihnen am seltensten, weil sie die entferntesten waren. Saepe aber ist nur nähere und zwar zufällige Bestimmung des commeare^ bildet folglich mit diesem nicht einen Begriff, so wenig als bei Tacit. Ann. I, 46. toties in Germaniam commeare; vielmehr ist grade saepe in dem Satzgliede als betont hervorzuheben; dieselbe Analo- gie c. 2. minus late vagari — minus facile bellum inferre, wenn auch hier die Adverbia weniger durch die Stellung hervorge- hoben sind. Darum übersetzt auch derMetaphrast: ov p>fj noX- kttxtg €^jtOQOL ög)i6iv STttftlöyovrccL. Unbestimmtheit oder will- kürlich ausgedehnte Definitionen bringen der an sich schon flatterhaften Jugend grossen Nachtheil und erzeugen eine üe- bersetzungstheorie, die in die vageste Paraphrase ausartet. Aus diesem Grunde tadeln wir, wenn pertinere p. 3. erst richtig erklärt wird durch: auf etwas einwirken, etwas zum Zwecke
N. Jahrb. f. Phil. u. Fäd. od, Krit. BibL lid. XIV Hfi. 5. g
%^ '^f-;"..:Ru mische Litteratur/ v"*i »
haben; dann aber hinzugefügt steht: zur Folge haben; au« allen angefiilirien Stellen lässt sich diese Bedeutung* nicht nach- weisen, liier ist die Möglichkeit zur Wirklichkeit fälschlich potenzirt. Was soll ein Anfänger lernen , wenn er weiter liest: incolere ist eigentlich ein Aciivum; ebenso griechisch Evotxstv. Wenigstens sollte es heissen: gewöhnlich wird 2«co/. aU trans- itivum gebraucht (vergl. Schulz S. 199) oder im activen Sinne, mit dem Casus Objecti, wie kvoiK. Doch dieses wird auch mi^ Iv construirt gefunden. Hr. B. macht zwar mit Recht auf- merksam., was Frühere vergessen hatten, dass aus den Wor^ ten: Hetvetii reliquos Gallos viriute praecedunt io\^e^ dass die Helvetier zu den Galliern gehörten; allein das 2varum? fehlt abermals. Es bedurfte nur eines Fingerzeigs auf die specifische Differenz von reliquiis^ zum Unterschiede von ceteri, alii. Vgl. Stürenburg zu Cic. Arch. p. 95. Die Sache folgt aber auch aus c. 1. attingit etiam ab Sequanis et Helvetiis flumen Rhenum. — Eine interessante grammatische Frage berührt Hr. B. p. 3. extr. bei den Worten: nna pars, quam Gallos obtinere dictum est. Die frühern Herausg. hatten bei dieser Stelle (mit Unrecht) ge- schwiegen. Als Grund der ungebräuchlichem Redeweise führt Hr. B. an: ,ies handle sich hier nicht um eine allgemeine Sache, sondern um eine im Vorigen enthaltene bestimmte Angabe Cae- sars." Diese Erklärung gehört Hrn. Held zu B. Civ. I, 73.- Mag an sich die Verschiedenheit der Bedeutung und des Grundes auf diese Weise im Allgemeinen bezeichnet sein, ausführlicher neuerdings bei Roth zu Tacit. Agric. S. 127 ff, so würden wir doch für Tertianer vorziehen, wenn Hr. B. das grammatische und syntaktische Verhältniss des Satzes, d. i. die Verschieden- heit des Subjekts genauer angezeigt hätte. Einmal nämlich ist Sache oder Person, gewöhnlich letztere, Subjekt des Satzes, und dieser Construction und logischen Auffassung folgt die Sprachein der Regel; oder ein ganzer Äa^s wird als Subjekt behandelt und dieser Fall ist der seltnere. Daraus folgt erst die Verschiedenheit des Sinns oder vielmeiir bloss eine Modifica- tion. In dem einen Falle ist die Person oder Sache dasjenige, an welcher irgend ein Merkmal wahrgenommen^ der ein ^^^ri- 5m^ beigelegt wird ; im andern ein i*'öÄ'i2/w. Natürlich aber ist die Meldung oder Wahrnehmung einer historischen Thatsache oft wichtig und einflussreich auf den Gang der Ereignisse; dann tritt der Begriff der Meldung voran, wie Caes. B. C. I, 51. 73. Uebrigens ist es die Thatsache , welche die Construction be- stimmt, nur 80, dass man im Deutschen den Accusativ in den Nominativ zu verwandeln hat, um den Sinn zu erschöpfen, z. B. Liv. V, 33, 3. Eam gentem traditur fama etc. d. i. die- ses Volk^ meldet die Sage etc. Dagegen sollte man, der Gene- sis der Construction gemäss, einen Satz wie: Bibulus nonduni audiebatur QBBG in Syria übersetzen: vom BibulushoHe man noch
Cfiesaris Coniinentarii, bearb. von Baumstarlc. 35
nwAi etc. Es bleibt den Sachverständig^en überlassen zn ent* pclieidcn, ob nicht auf solclie Weise der Sprachgebrauch und dessen Gesetze zur Erkenntnlss und Einsacht der Jugend gebracht werden miissten, d. 1. »uf rationelle, überall wo mögtrch auf eiae iiaUki Icke '«ad einfache Lagik zurückfüh« rende Weise.'' •»nt''i, '»n»oJ[ n'^unnr r^r, ^jf»';» .- .: ..(■-'> v! ifm Cap. 2* erwartete man eine Erläuterung über de finibus exire und ebenso iiber cnncomnibus copiis; denn beiderlei Aus- druck nmsa dem Schüler einen dritten Classe ungewöhnlich erscheinem •■ ^Gfceichfa-Ils war über die Stellung der Prädikate fluMine Rheno iatis^iffia atque altisdmo — moute Jura altissimo etwas za. bemerk eil, etwa mit Nachweis auf Schulz S.64TRam8^ hörn §^ 200. Wicht \veniger wäre zu erwähnen gewesen, warum bellöiii inferre'/^o.<fse?i^ und nicht inferrent'\ ßesonders aber fand sich Gelegenheit, kurz die Eigenthümlichkeit von et — et an derselben Stelle zu entwickeln: Ferner wundert man sich, nichts zu lesen über dfen Begriff von dolor, da die zu I, 20. u. B. C. Uf, 8. gegebne Erklärung nur einseitig ist. Wenn das Im- perfectum ff^Ve/e^ßw^z/r gerechtfertigt wird durch den Zusatz; sc. multo jom tempore, so dünkt uns eine einfache Hinweisung' auf eine Grammatik (Z. §. 502. Schulz S. 503) weit passender, zumal da die gegebne Art und Weise der Erklärung nicht ^ic^^-.• tig und genau ist. Weit näher lag ein aus minus inferre posse zu entnehmender Grund. \5t\iQV pro multitudine wird von Hrn. B. nichts gesagt, sondern bloss auf die Grammatiken verwiesen. Allein da^ wo es nicht auf blosse Regel der Sprache oder de» Gebrauchs, Sandern auch auf ongemessnen Ausdrtich ankommt, sollte schlechterdings ein dem Lateinischen entsprechendes deutsches Wort gegeben sein. So wird bei Zumpt § 312. pra übersetzt: in 6^ew«ÄsÄe?Y; ein Ausdruck, der hier bei Caes. gar nicht passt, wenigstens steif und geschmacklos wäre. An- gemessner freilich bei Ramshorn §. 150. 2. nach Verhältnisse- aber der Commentar soll wegen des Allgem-einen die Sprach- lehren citiren; den speciellen oder individuellen Fall muss er selbgit vor sein Fornra ziehen und gewünschte Auskunft über densellien geben. Wenn es am Schlüsse des Capitels bei Caes. heisst: Angustos se ßnes habere arbitrabantnr, qui — pate-- hant; so glauben wir mit persönlicher üeberzeugung, dass un- ser verewigter Freund Z^ffÄwe, den Hr. Baumstark sich zum Muster genommen, die Frage aufgeworfen hätte, warum nicht paterent? Man vergl. Schulz Gr. §. 84. IX -^'^^ " »^
Cap. 3. Hier lehrt ein auffallendes Beispiel, wie nothwen- dig es sei, dass ein Commentator nicht bloss die Sprachlehren citire, sondern selbstständig verfahre. In den Worten: in tertium ^nnum profecti^nem lege confirmant^ wird zuerst auf Zumpt §. 315. verwiesen. Bei diesem aber liest man: Mit Wörtern, welche eine Zeit bedeuten, drückt in die Vorkerbe-
3*
86 iix::?.-:La:Rü mische Litteratur.
Stimmung derselben aus , deutsch avf. Wir fragen: ist diess (ginetn Anhäiig[er recht verständlich*? Ferner wenn bei Zurapt ibid. gesagt wird; Ohne. sei7/ic&e Bestimmung steht in mit dem Accusativ auch, andrer Wörter, «ra das Zukünflige auszudrü- cken: olfenbarfc sich da nicht: gradeziL ein Widerspruch *? Sollte der Commentar nicht den jungen Leser darauf . aufmerksam machen, darss die Bedeutung von >/» und dessen -Construkt. mit dem Äccusat. zunäclist durch das Verbum des Satzes oder durch den in demselben verborgenen Gedanken bedingt uad herbei-, gefuhrt ist? — Nicht beistimmen können wir, wehn aii majctme, plebi ucceptus erat -^ gesagt wird : das Adveth. imaxime nmsSv mit plebi^ nicht mit acceptus verbunden werdeö. Eine solche Deutung ist ungrammatisch; richtiger bei Grotefend Schulgr. §. 332. <P/e6i ist iu dem Satze nur das logisch- betonte und her^ vorgehobene Wort; es wird aber prägnant durch den zu suppli- renden Gegensatz nobilitas , der aber keiner besondern Nen- nung bedurfte, wegen des eigeiithümlichen Begriffs von plebs. Eben so in analogen Fällen, z. B. Cic. Orat. 3, 9. minime sibi quisque notüs est et difHcillime de «e quisque sentit; im Gegen- satz von aliis, — Eben so wenig gefällt, wenn Ulis probat an- geblich heissen soll: probabiliter demonstrat; diess bedeutet elwas ganz anders, wie Ernesti Lexic. Technol. rhetor. p. 306 lehren kann. Das allein Richtige gab schon Ernesti in Clav. Cic. In dem folgenden: non esse dubium, quin totitts Galliae plurimum Helvelii possent, ist richtig von Hrn. B. bemerkt, was Andre unbeachtet gelassen, dass der Genitiv \on plurimum posse i. e. potentissimum esse herbeigeführt worden, wofür II, 4. plurimum inter eos valere als die gewöhnlichere Verhimlungs- art bezeichnet wird. Allein das sollte beachtet sein, dass der Genitiv als der Casus des Ganzen oder Theils dient, demPrädi-- kate eine eiclusive Bedeutung zu geben, von dem Ganzen: gleichsam den letzten, äussersten und höchsten Theii anzu- geben. Es liegt also darin eine wahre Comparation oder richti- ger Taxation; jenes plurimum inter eos valere ist eine bloss historische Relation , wodurch ein gegenseitiges Verhältniss angegeben wird. Die Behauptung, dass in der Stelle bei Nep. Them. 9, 2. Themistocles veni ad te, qui plurima mala om- nium Graiorum in domum tuam intuli, der Genitiv omnium Grai. von plurima und nicht von qui veranlasst sei, wird sich wohl darauf reduciren lassen, dass qui logisch eher gedacht war, als p/wm/io 77ifl/a inferre ; sodann, dass zur Bezeichnung des ächten Superlativs kein Mittel in der Sprache vorhanden war, als eben der Gebrauch des Genitivs. Wäre sodann: se suis copiis — illis regna conciliaturum nicht einer Erläuterung sehr bedürftig und werth gewesen, da conciliare V, 4. nur iu einseitiger Beziehung vorkommt*? Lehrreich wäre endlich hier oder schon a. 1. und c. 3. ein Wink gewesen über die Art und
Caesuri« CominentarM', bearb. von Bauiuetuik. 31f
(lieOrniidäätze, wie «><?/?*>»// dfle^ Begriffe von guten Schtiftstel-: lern verbunden au worden jxflegen, z. B. cultus ^if\n^ humanU tas ; pacem et amicitiam-\-y fidem et jusjurandum : deftn da^ durch wird des Kntben 'Verstand elreiiso geschärft, als 9<;iri Interesse geweckt ttbdlj 4«dter, geisttödteuder Meohauismu» allniä4ig verdrängt. ' .noViäil j^idoittj^-*«.! ' J''"*^ ÄAu;inv>Jt
Cap. 4. führt uns zu ^£r bekannten, aber noch von Keinen» hinreichend erklärten Redensart: ex vinculis caussam dieere.- Nach Bäumst, bezeichne)«^ 6W umgebenden Fesseln ;^eUT an- bestimmt und vag, und ohne das« im Mindesten der 'iebiraucll von ex gerechtfertigt wäre. Held sagt, es stehe für: vinctufm: Möbiusi Jmeint, es stehe brachylogisch statt: in vmeula con- jectum.' Hr. B. ist hier v wie an/ manchen andern Steilen zih^ einer Synchysis der Erklärung 'g^iieigt^ indem er meint , niai» köime sich auch des Gebrauchs von ex erinnern , wonach es die Art und Weise bezeiehne, wie etwas -g-eschieht, und na-^ mentlioh' a//v<?r6/fl/ stehe. ' Ist diess deii Falt, dann kann* «y vinculis nicht gleich sein dem vincius. 'f>nsre Ansicht ist, das$ die Redensart ^j: vt/ici//}« caussam dicere analog gebildet -8^1, den:\ bekannten: ear loco o/t^fwo v^rba facere j wie Cic, pro log'.' Älg^ttil. c. 8. extr»'«. 17. f. iHid ex ga^z «0 gebratteht sei, wie iXyWQ c« angeblich für Iv stehen 8oIi,-d. i. sl quid in lo<ro> ita geritur ut simul ali«s loci habeatur raiJo.^ Vergl. Viger. p. ()ttl. edit. IV. auch Hand Turseliin. H, p. 629. Nö: !äO. Hierbei ist aber WfiM zu achten auf die Grrundbedeutüng voii ex , ^ r«wcw/a etwas" Zufälliges, dem Me\\%ch&A''Angelegte§ bezeich- net. Was folgt daraus 1»' Dem Orgetorii-solUen an dem' Tagö des Gerichts, wo er sich Verantworten sollte, erst -die Fesseln angelegt werden, und dann sollte er in diester Situation sich vertbeidigen. Bis dahin muss man sich'<4^ M'anh denken in libera custodia. Daher möeht& Reo. b^ehaupten, dass ex loco aMquo verba facere nicht gesagt werden könne, wenn man nicht annijumt, dass man eine solche Stelle vorher besti&gen und erst sich wo anders befunden habe, so wie die Redensart ex per&ona agere, dicere etc. dem Ausdrucke: ex vinculis ganz analog ge- bildetist. Wenn gleich darauf von dem Herausg. zu den Worten 5 damnatum poenam sequi oportebat auf diej Grammatiken ver- wiesen und gefragt wird: wird hier oportebat im Deutschen mit iV) dem Indicativ übersetzt ? — was natürlich Hr. B. hier für ganz unzulässig ündet, denn er citirt Z: §. 520. Ramshorn. Schulgr. §. 165. N., so antv^orten wir kurz und gut: es steht im Deutschen wie im Latein, der Indicativ ganz richtig und jene Regein der Grammatik passen hieher gar aiclit. Die Sache ist ganz klar, weiin der Knabe wiederholt: moribus illorum ac legibus publicis damnatum poena sequi oportebat s. debebat, ut etc. Wir: wurde er schuldig befunden, so war die unaus- bleibliche, (gesetzliche) Strafe, dass etc. — Es konnte ver-
88 i^f Römische Li4te«ratu*;.« ti'-natj»
wiesen werden auf Schulz §.83. l*»Äan>sIi.'§.165. A. 1. Intleni Ausdrucke igni cremare erkennt^war Hr^JB, mit Andern einen Pleonasmus; allein Ilec. wünschte, dass weder er, noch Andre mit jener Bezeichnung so frei^ebi^^ew-esjen -wären, oder we- nigstens den Begriff und die GüUigJ^i6d«s sogenannten P/eo- nasmus gebührend beschränkt hätten. An Stellen, wi« die iHisrig^, so wie an unzähligen and^ei^iiyt' ist der Beisatz 2^ 72t fast noch nothwendigcir, als viy armis hok ötpere. Es soll liämlich bezeichnet werden das ^hsieh^iich - a7i^elegte ^ veranstaltete Feuert- ' ie Livius III, 53- 5. e^tvöÄ^^/e a^«/ concreraaturos mina- bantur. Vergl. das. Drackenb. Abgesehen davon, dass noch auf C72<f/'e Weise irgend etwas i>erbrannt .werden kann. LiA^.XXI. ^. 5. Puteolis duas im^e.% fuhninwActu cöncrematas €SsaiivFür $cbüler warauchauf die Ablativform 1^722 aufmerksarnftsif ma- chet^; wobei die Beüierk. Ruhnken'^eu Ovid. Heroidtp-«'21fis.ed. Friedem. lehrreich sein könnt«; «rsagt: „2^^722 antiquus^ablati- vuspro igne^ qui imprimis usitatus est .poetis.'* Diess ieiifet denn ^uch vollkommen Anwendung auf gesetzliche Formeln. Di«t)odd. bestätigen übrigens bei Caes. wie auch bei Liv. die vorheirrschende Endung auf t. n— Die Stelle :./;er eos ne e aussam' die er et se eri^ puitj wird vi^ii Herausg. durch den Zusatz 9C, periculo od. .ex pes'iculo erläutert: was uns ganz unpassend, dünki.r Denn offen- bar ist in dem .prohibitiven Satze: ./2*e causs, ci/ce^'e/ das Objekt enthalten, dem sich- Orget. entzogt -■ Vergl. Grotef. .Sohulgr. §.354. Eine wunderbare Definition von esigef^Siijus ^ findet noch, wonach diess hejsse: dasReeht pedantisclvfius/r/au^e»/ Die richtige ErJklärung.gibt.Gronov. zu Senec. Controv. 32. vgl. Observatt. I, 8. p..45. ed. Frotsch. Dem gemässigt exigere so viel als publice curar.ey ut Bliquid rite ac diligenter fiat; oder: diligenter ae severe. iiji re aliqua perficienda agere.
Cap. 5. -wiA'd. der Finalsatz: Heivetii erf, quod constituerant, facere conantur, iit e finibiis suis ejueanty bloss aus dem Ge- sichtspunkte einer Fülle des AusdrUeks ., der Deutlichkeit hal- ber, vo^n Herausgeb. betrachtet; allein genauer unstreitig und dem Zwecke grammatischer Vorbildung angemessner fänden wir, wenn 1) bemerkt wurde, dass der Finalsatz ut — exeant die Stelle des O^^eA-^« vertritt, und anstatt des Lißjiilivs sieht 'y 2) dass gar oft id und illud^ auf dem nachfolgenden genauer bezeichneten Objektsinfinitiv hinzuweisen bestimmt sei. Gic. pro Plane. 2, 5 mihi non id est in hac re molestisäimum contra illum dicere, sed multoillud magig, ^uot^ — in ea caussa contra dicendum est. S. daselbst Wunder. Nun wäre an unsrer Stelle bloss hinzuzufügen gewesen, warum grade ut.^ und etwa auf Zumpt g. 614. zu verweisen; und sodann, wesshalb exeant und nicht exirent? Letzteres insbesondre, mit Berücksichtigung der von Held ad h. 1. beigebrachten Stellen. In dem von Caes. gewählten Ausdrucke: privata ^Qdiäcia. können wir den JNeben-
Ciicsuritf Cuiiiiut;uUrii , bettrb. vuu Uiuiiudtaik. SU
begriil' i\e»-8epai ata , d. i. nach de* Uerausg. Meinung, durch feste Marken oder sogdv Zwilche firäwne getrejint — nicht er- kennen, uw so weniger, da wir wiesen^ wie streng Caesar die In der gerichtlichen und publicistiächea Sprache geltenden und mit einem charakterislischen Gepräge gestempelter Wör- ter und Begrilfe festgehalten hat. Caes. nennt also liier ein- zelne Gebäude privata^ >veil dieselben und in sofern sie mcht in dein Commz^/za/verbande eines oppidi oder vici standen, auf deren Verbrennung die publica auctoritas zunäcjlist einwirkte. Wegen des grammatischen und. syntaktischen Verhältnisses von praeter quod secum porlaturierarU ^t hat Uec. feinen Zwei- fel mehr, ob praeter adverbial zu nehmen,, oder f;iir Präposi* tioii zu halten sei. Es muss aU P/c/'/jo^/^/q/^; genofUmen werden 1) wegen. des unmittelbar folgenden quod^ das rein adjektivi» 8che Bedeutung hat; 2) wegeri der transitiven Natur des V^rbi im Hauptsatze comburunt; *6) weil /^/öe/e/ywo ea« adverbial für praeierqvam steht, eine ganz andre Bedeutung erhalt; es uä- iiert sich dem nisi; in praeter als Präposit. blcibt-der primi- tive Begriff des. Vorübergebens an etwas, des Unberührten^ \or' herrschend. — Nicht billigen wir eine Indulgenz, wie der Her- ausg. gestattet, wenn er zu den Worten: ^^eodem usi consilio bemerkt: wÄre auch ohne usi richtig, jedoch so nachdrückli- cher; sie sollten denselben Entschluss fassen.^'' Keineswögsl Denn 1) wäre uti e ödem consilio — una cum iis proficiscaniur unbestimmt, dunkel und ungewöhnlich gesprochen, wenn der Gedanke, der hier dem Autor vorschwebte, ausgedrückt wer- den sollte: es würde heissen: in derselben Absicht! 2) heisst consilio 11 ti nie und nirgends einen Entschluss fassen^ sondern nur: zu dern Seinigen machen^ praktisch befolgen, und so, dass ich etwas Dargebotnes für mich benutze. Dadurch ist es verschieden von sequi. Vergl. zu B. Civ. I, 56. in. Endlich fin- det sich am Schlus^se des Cap. 5. noch ein Beleg, dass der Her. ausgeb. für das Bedürfuiss der gedachten Leser wenig gesorgt hat, wenn er, statt den Unterschied objektiver nndi subjektiver Auffassung und Darstellung der Ereignisse und Persojien popu- lär und einfach anzudeuten, und diesem gemäss die bei Caesar nicht gar seltene Verwechslung der Pronomm. smi, sibi etc. u. is etc. als Eigenheit des Schriftstellers zu bezeichnen, zu den Worten: una cum iis proficiscantur, Folgendes bemerkt: zwar grammaiisch i^}) nicht unrichtig; dennoch würde man, da man sich die Helvetier sprechend ('?) denken muss, eher secum, we- nigstens ipsis erwartet haben. Nun folgen zwar die Citate aus Grammatiken; aber mehrere derselben hat der Schüler nicht, nnd die, welche er grade hat, giebt vielleicht über den vor- liegenden Fall keine oder nur mittelbare d. i. durch eine« Schluss a contrario zu gewinnende Auskunft; wie diess z.B. mit Zumpt der Fall ist in den vom Herausgeb. angeführten § §.
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40 -" ' Rum Ische Litteratur.
550 und 604. Wie ganz anders behandelt Held «u Bell. CiV. I, 35. dieselbe Sache! Ebenso würde unstreitig zu Cap. 0. «m den sehr begreiflichen Grund des Gebrauchs des Conjunctivs nach Pronorora. relativ, in Stellen, wie: Erant omnino itinera duo, quibus domo exire possent — richtiger verwiesen sein auf Zurapt §. 556 und 558. als auf §, 561, wo ein offenbar logisch verschiedener Fall angegeben wird. Dieselbe uns wenig er- freuende Art, ungewöhnlichere oder auffallende Erscheinungen auf dem Gebiete der Sprache h\oss historisch , fast als traditio- nellen 3]issbrauch oder Gebrauch zu bezeichnen, findet man in vorliegender Ausgabe zu oft, wie gleich die Note bezeugt TU vix (itia\ wo statt ein Wort von ii^tv Anastrophe und deren ratioueller Bedingung, in der Stellung der Präpositionen, Ad- verbien und andrer Redetheile,'Tgl. Cap. 7. in. zu sagen, aber- mals bloss si^'ß} Grammatiken citirt werden, die wohl seltner in Gebrauch sind, als Zumpt^ der hier nicht genannt werden konnte. Ebenso wenig können wir qua m\t uhi der Bedeutung und dem Gebrauche nach gleichsteilen, wie von Hrn. B. ge^ €chieht, der'gewiss auch aus Erfahrung weiss, wie unwürdig des Lehrers , wie nachtheilig dem Schüler es ist, mit Begrif- fen gleichwie mit loser Scheidemünze zu spielen; so dass, wie Kec. leider oft an jungen Leuten wahrgenommen, die üble Ge- ^vohnheit allmälig einreisst, das Verschiedenartigste und Man- nigfaltigste, oft gradezu Widersprechendes durch ein entschul- digendes und die Wahl lassendes oder zu verbinden. Oft eine wahre Schande für den gesunden Menschenverstand, und eine Manier, die ganz geeignet ist, den Sprachunterricht bei den auflauernden Realisten noch mehr in Misskredit zu bringen! In dem Ausdrucke: vado transire wird der Ablativ vado als ad- verbial gebraucht vom Herausg. bezeichnet, gleichwohl hinzu- gefügt, es stehe eigentlich für: Humen z^t transire, ubi \zA\xm. est. Wäre Letzteres richtig, dann wäre es der Ablativ, loca- lis, da es offenbar Casus modalis ist. Uns scheint überhaupt vadum nicht bloss die Fürth ^ d. i. den Ort bedeutet zu haben, sondern auch den Fer6ö/begriff selbst, da eine andre Substan- tive Verbalform ganz fehlt; so dass vado transire gleich ist dem: vadendo trans. Diess scheint uns grosse Wahrscheinlich- keit zu erhalten, einmal aus Stellen, wie Liv. XXXVIII, 12. extr. vado amnis super ari oon poterat; wohin auch gehören dürfte ibid. c. 18, X vado nusquam transitus erat; sodann auch aus ähnlichen Redensarten, pedibus, f2 avibus inLnsire j nando^ vehendo, navigando superare etc. endlich, weil vadum schon von Priscian. IV, 3, 15. als verbale mit regnum zusammenge- stellt wird, was eben sowohl Handlung als Sache bedeutet. — Bei dieser Gelegenheit erlauben wir uns eine Bemerkung, die sich uns aufdrängte, als wir in Stürenburgs eben so trefflicher, als origineller und geistreicher Erklärung der Rede pro Archia
Cuesaris Commentarll , Learb. von Baumstark. 4t
p. 23. bemerkt \nsen,i\zs9 e.verdtaiio dicendi zetther sehr falsch gedeutet worden sei durch \ Hebung im lleden; es sei vielmehr darunter zu verstehen : /rtCtt/^ßs quam qiiis exercendö sibi parat. Eine Bedeutung, die wir schon durch die Analogie geleitet, nimmermehr anerkennen würden, obgleich auch der Sprach- gebrauch jene Erklärung widerlegt. Wir meinen nämlich, dasa es nicht bloss niUzlich , sondernder Wissenschaft würdig und die Denkkraft überaus belebend sei, auf die stehenden und der Sprache allmälig ausgebildeten- i'^orwjew und Typen der ver- schiedenen Wörterclassen strengere Rücksicht zu nehmen ; ein Verfahren, das durch Ramshorn in der Einleitung zu dessen grösserer Synonymik eine belehrende Berücksichtigung gefunden hat. Findet sich nun einerseits bestätigt, dass die Verbal- endung f/o ein fl/2Äö//e/2f^eÄThuniau8drücke, so wird auch j;o^o von dem Stamme ßäco seine eigenthüraliche Bedeutung sich behaup- ten, nnd nur zu beachten wäre, wie in der Sprache /w^rßwsj- tive Handlungen durch die Neutralforra ?i\\i um unmittelbar an die Verbalform angefügt, bezeichnet werden. Denn mag übri- gens jede Sprache, die «ine mehr, die andre weniger, frei und seibstständig, oft eigensinnig und scheinbar launenhaft sich ausgebildet und bewegt haben; ein geheimes Gesetz der Consequenz der Stetigkeit, der Analogie wird überall aner- kannt; und diese Wahrnehmung und Beobachtung ist eine der angenehmsten Nebenfrüclite de« ernstem Studiums. Doch wir wenden uns nach dies er Abschweifung wieder zu unserm Haupt- gegenstande. ' ? } /
Df^s 7te Cap. bot dem Herausg. eine passende Gelegenheit, auf eine Stellung der Worte aufmerksam zu machen, die man gewöhnlich Antiptosis nennt, und deren Grund an diesem Bei- spiele kurz zu erläutern. Es heisst zu Anlange! ^^Caesari qunm id nunciatum esset, eos per Provinciam iter facere cönari, ma- iurat ab urbe proficisci. Der Herausgeb. schweigt aber; wir liätten auf Rarashorn S. 3003 u. 4 verwiesen, und tragen kein Bedenken auch hierin ein« logische Attraktion anzuerkennen. Wenig erspriesslich dünken uns Bemerkungen, dergleichen man viele, so auch S. 11 über den Wechsel des Präs. und Imper- fect. findet. Hier wird von dem Herausgeb. nichts gethan, als nach einigen angeführten ähnlichen Fällen , das Faktum als solches bestätigt, nämlich dass der Referirende von einem Tempus in das andre übergehe. Allein hier galt es, nach Held's praktisch sicherm Vorgange, Bell. Civ. I, 85 extr. dem Schüler einen Fingerzeig zu geben, wie ein solcher Wechsel sich erklären lasse oder wie er gerechtfertigt werden könne. Denn alles ünregelmässige beruht entweder auf Willkür, und diese ist einem besonnenen Schriftsteller kaum zu verzeihen, oder auf traditionellem Gebrauche, und dann ist der Autor entschuldigt; oder auf einem versteckten, leicht zu ermitteln-
IP Ji: Römische LUteiratur. or/)
den raiiouellen Grunde, den ma« i^a.chweiseH niü»Hi Wenn ge- gen Ende des Cap. bei der ConsirUction t^mpei atut os ab injuria bloss auf die Grammatiken verwiesen wird, so ünden wir da» für Schüler nicht passend , da die Sprachlehren sich verschie- den aussprechen oder die Sache bloss historisch referiren ; auch Wühl die Structur mit a und r?^ gan% unerwähnt lassen, wie Schulz S. 455. 2teAusg. Wir glauben nämlich, dass ursprünglich das Pronpm. personal, (s/^/) unentbehrlich war, später wie bei a6- stillere u. a. dasselbe weggelassen und jcara övi/föiv so gesagt wurde; ein Gebrauch, der sich noch freier darstellt in der Struk- tur mit dem Dativ.; Beispiele giebtGronovu Drakh. zu Liv. 1,29,6. i In Cap. 8. w^rd communire \\ti zu einseitig erklärt durch valde munire; vielmehr lehrt der Gebrauch, dass es heisse, ringsmnverscfiafizen, so dass die Verschanzung ein Ganzes bil- det, in sich gleichsam geschlossen: wesshalb wir es übersetzeh joöchten : etwas Festes und Verschanztes aufführen. Man vgl. Tacit. Aen. I, 51. f. Liv. XXI, 82. H, 32. M/mVe heisst bloss befestigen^ zur Beschiitzung und Vertheidigung; also würde castella munire heissen: die schon vorhandnen Castelle fester und sichrer machen, als sie bereits waren. Bei der Stelle: ea dies, quam constituerat cum leg^tis, verdiente der Gebrauch von cum wohl einige Beachtung, damit der Schüler nicht etwa glaubte , an der Bestimmung des Tages hätten beide Theile gleichen Antheil gehabt. Vielmehr sind analoge Aufrücke, wie servare fidem cum hoste ^ Cic. Offic. III, 29, 107. firmare fidem cum hoste Liv. XXVIII, 17, 8. womit zu vergl. dissentire, differre, discrepare cum aliquo. Vgl. Hand Tursellin, II. p. 148., wo jedoch unsre Stelle vermisst wird. Bald nachhcF war die Stelle Helvetii navibus junctis etc. alii von der Art , dass eine Rechtfertigung des alii durchaus nothwendig erschien. Der Verf. hat geschwiegen. Man vergl. Walth. zu Tacit. Ann. I, 73. p- 93. Ob zu der Redeweise: saepius si perrümpere pos- sent, conatij von dem Herausgeb. richtig bemerkt ist: si steht hier für num oder g72, müssen wir sehr bezweifeln, obgleich Bremi zu Cornel. Flaunibal. 8, 1. ebendass. lehrt. Allein diese Partikeln sind unter einander so wesentlich verschieden ^ dass man Anfänger vor Verwechslung der Fälle nicht genug warnen kann. Hier, wo von Handlungen die Rede ist, kann si mit num und an nicht in Parallele gestellt werden. Zu vergleichen ist Matthiä gr. Gr. g. 520. Eben so wenig stimmen wir bei, wenn operis munitione ^ mit Beziehimg auf Zumpt §. 672., wo eigentlich etwas anders gelehrt wird, vomllerausg. erklärt wird durch: opere munito sive munitissinw. Denn wir müssen wohl beachteil, das munitio nur i\ie Handlung^ nicht die Eigenschaft bezeichnet, und die Worte nichts weiter sagen als: operis i. e. muri exstructione , muniendi t. e. loci firmandi ac defendendi caussa facta. Wird munitio c. 10. für opus g. murus gesetzt,
CacsarU Cominentarli, beaib. von Baumstark. 4S
so wie oft mtmiHones^; sb/bleibl auch hier der ßö^riff der (in concreto) verwirklichten Handlung, nie aber Her jt^igensrhaß.
Cap. Ö.-wiWde eine Erläuterung des Gebrauchs von intet se (obsides uti.inter 8es€ dent) nicht undienlicli gewesen sein; da- gegen dürfte die Frage: warum nicht obslricta» habere volebat, wofür es im Texte heisst: civitates suo sibi beneticio habere obstricias \o\. von dem Scliüler der gedachten Classe mibennt-^ wortet gelassen, von manchem Lelirenden so erklärt werden, dass mancher Beispiele ähnlicher Stellung der Worte ungern vermissen könnte. Solche Fälle werden aber am bessten zur Anschaulichkeit gebracht durcli ein verschiednes Beispiel, wo- bei nur hinzuweisen, dass oft eins, so richtig ist, wiie das andre; nach der Subjektivität des Sprechenden aber» und nach dem Zusammenhang eins richtiger und angemessner, als das andre. Zuviel dünkt uns behauptety Uenn cap. 1(^ remiHiiare als von Nachrichten gebraucht bezeichnet wird, wbiche pßicht massig ertheilt würden, so wie überhaupt durch die PräpoLÜtion re in compositisr der Begrlftder Schiddigkeit und Pflicht ausgedrückt werde.:^ Wenn wir etwas zugeben, so ist es das Verhältniss der Gegenseitigkeit^ die Berücksichtigung von etwas Früherem, Vor- hergegangnem, das durcli rehin und wiedex angedeutet wird. Verdiente ferner nicht der Ausdruck futurum — ut etc. eine genauere Eröterung, zumal da vorausgeht: \A ^i fieret? und da die Grammatiken speciell auf diesen Sprachgebrauch auf- merksam machen*^ S. Zumpt g. 591. Schulz S. 492. Eben so fragen wir, ob es wohl genügen könne, wenn zu hcis patenti- bus maximeque /;7//yre72^flr?Vs gesagt ist: es ist der Ablativ mit Auslassung des in? -— Denn I) soll ein Commentar mehr geben, als eine Grammatik, obschon Zumpt §.481. Aufschluss ertheilt; allein ein Analogon hätte «len Gebrauch gerechtfertigt. Der Unterschied ist etwa wie unser: an Orten, und i/« (den oder diesen) Orten. Jenes ist allgemein und nähert sich sehr der Participialconstruction, durch welche ein vorhandner, ein- tretender Umstand angegeben wird; 2) ist sehr die Frage, ob /oci« patentibus etc. nicht der Dativ sei*? Wir halten diessLetZ'- tre für das Richtige; vergl. I, 28. 11,2. und oft, wo ßnitimus gebraucht ist. Eben so dürfte eine Bemerkung über circum u. circa bei den Worten circum Aqtdiejam nicht am unrechten Orte gewesen sein, zumal da circum von Caes. weit öfter ge- braucht wird, als circa und doch die Jugend weit mehr zum Gebrauch des letztern sich hinneigt. Vgl. Hand Tursellin. IJ. p.51.
Cap. 11. hätte wohl die oft wiederkehrende Construktion und der eigenthümliche Gebrauch des Supini zu mittunl roga- tum zu einer kurzen Erklärung und Verweisung auf die Gram- matik veranlassen können, z. B. Z. §. 668. Ob eine depopulatio durch blosses ÄcÄrecAew bewirkt werden kann, möchten wir sehr bezweifeln; wenigstens liefern die uns bekannten Stellen keine
41 •>>! Komische Litteratur. jrO
Beweise, z. B. B. G. VII, 77. II, T VI, 42. und eben so ivenig spricht dafür die Etymologie, welche in der Regel auf popu- lus, vielleicht richtiger auf pepuli (pellere) hinweist. Zu den Worten ut libeti eorum in Servituten! abduci — non debueriut, wird von dem Herausg. bemerkt: eorum kann eben so statt sui oder doch wenigstens statt ipsorum erklärt werden. ' Wenn die- ser Erläuterung der bei Caes. nicht seltnen und schon zu cap.5. erwähnten Verwechslung der Pronomina is und &ui auch einige historische Wahrheit zu Grunde liegt; so ist doch die Erklä- rung keineswegs aus dem grammatischen und rationellen Stand- punkte aufgefasst noch gegeben. Auch was über die von Cae- sar aufgenommene Stellung des referirenden Erzählers, die besonders aus exercitus nosiri hervorleuchte, gesagt ist, cr- mangelt der Klarheit und Bestimmtheit. Die Worte sibi praeter agrisolwn nihil esse reliqui — bilden keinen Gegensatz gc^^n die bewegliche Habe ; sondern deuten an, dass nichts geblieben sei, als Utr Boden, den sie bebauen könnten; nämlich auch alle Erzeugnisse u. Früehte d&: Aecker^ seien verheert undjvernichet:- f alglich ist soltwi agriauch den frugesn. segetes entgegengesetzt. Cap. 12. möchte über den Gebrauch und die Structur des Pronom. relativ, ia Appositionssätzen, dergleichen flumen est AroTy quod etc. die Grammatik von Zumpt §. 372. weniger Aus- beute und Belehrung geben; weit mehr Ramshorn u. A. Auch scheint es noth wendig, dass auf die Verbindung von idem — qui und auf den verkürzten Satzbau in Stellen, dergleichen cap. 12. extr. Pisonera — Tigurini eodem proelio quo Cassium in- lerfecerant — aufmerksam gemacht wurde. Vergl. Ramsh. gr. Gr. §.157, S. 522. So dünkten uns ebenfalls cap. 13. die Worte: id quod ipsi diebus viginti aegerrime confecerant ut flumen iransirent durch das vom Herausgeber beigefügte transire pos- sent, mit Hindeutung auf den Modus poientialis der Lateiner, ganz falsch erklärt; denn ut iransirent enthält nichts als nähere Bestimmung des Objekts, das durch id quod confecerant unbe- stimmt und allgemein bezeichnet war. Belehrung gibt dem rei- feren Schüler Zumpt §. 619. Nicht minder finden wir in der Angabe: nierilo sei eigentlich ein Ablativ, absolut., da wo im Texte steht: merito populi Romaui — eine Verwechslung der Begriffe und Verhältnisse, die weder die hier Statt findende Struktur zu rechtfertigen geeignet ist, noch , wenn sie anders- wo gälte, viel helfen kann, da es weit natürlicher ist, in me- rito logisch, wenn auch nicht grammatisch reine Adverbialforra anzuerkennen , wie der Gebrauch von immerito lehrt. Wun- dern muss man sich, dass von dem Herausgeb. immer noch der alten Theorie gehuldigt wird, dass aliquis nach «i, nisi etc. jenes ali abwerfe, und dass es also gegen die Regel gesagt sei cap. 14. si alicujus injuriae sibi conscius fuisset, wo der Sinn «ei: wenn sie sich eines bestimmten, auch nur ei'/ie». Unrechts
Caesarls Commentarü , bearb. von Baumstark« 45
bewusst wären. Wir verweisen statt weiterer Widerlegung be- sonders auf Stürenburg zu Cicero pro Arcli. p. 89 und 93. — Die von ientare S. 20 angegebne Definition, nach der es heis- sen soll: etwas festhalten^ etwas recht ernstlich versuchen, möchte einer andern von Ramshorn Synonym. I. p.412 an Rich- tigkeit bedeutend nachstehen, wem nämlich die Ableitung von teuere heW^hi", uns dünkt angemessner, Wortforra und Regrijff jenes Verbi von tendere abzuleiten; daraus wird sich ergeben, dass es ziemlich nahe kommt unserm vulgären: ansetzen^ den Anlauf nehmen j um zu versuchen, ob etwas geht oder nicht. Die Herleitung von teuere helvili für unser Gefühl immer etwas Gepresstes. Ueberhaupt möge man sich doch ja hüten, der Jugend ohne beigefügte Cautel, die zur Prüfung anregt, aller- hand noch ziemlich unsichre etymologische Experimente zu er- ölfaen» Einen andern Zweifel erregt die Anmerk. über die Be- deutung von impune (quod tam diu se impune injurias tulisse admirarentur), wo der Herausg. sagt: „es stehe hier nicht sub- jektiv d. i. straflos f sondern objektivisch oder aktivisch d. i. ohne zu bestrafen.'^ Diess scheint uns nicht klar, noch rich- tig; es ist mit dem Worte poena wie mit injuria^ i?ividia und andern; diese Wörter werden bald im passiven^ bald im acti- ven Sinne gebraucht; so ist dann impunis eigentlich derjenige, der ohne Strafe oder ohne Wiedervergeltung ist und bleibt. Diess kann aber der gesunden Vernunft nach nur derjenige sein, der eigentlich Strafe verdient hat; und so heisst impune auch liier: sine poena^ d. i. ohne dass die Feinde, die Beleidiger dafür büssten, also straflos bisher wegkamen. Dass diess der Sinn sei und sein müsse, lehrt der religiöse und ethische Zu- satz: consuesse deos immortales — diuturniorem impunitatem concedere. Eben so dunkel und unverständlich, ja nichts be- weisend ist, was wir zu der Stelle: quod sua victoria tam in- solenter gloriarenter — eodem periinere — bemerkt lesen, wo unter Anderm auf IV, 11. hingezeigt wird, als sei diese Stelle von der gegenwärtigen verschieden, obgleich das grammatische Verhältniss ganz dasselbe ist und für unsre Stelle im Mindesten nichts gewonnen wird. Denn der Gebrauch von ut nach eodem illo pertinet, folgt der ganz gewöhnlichen Regel , über welche Zumpt §. 614. nachzusehen.
Endlich Cap. 15. würde man nicht ohne Grund Anstosa nehmen können, wenn agmen als das Treibende und Getriebene, Aas »ich Bewegende übersetzt wird; eine Bedeutung, die sich abermals weder durch Analogie , noch durch den Gebrauch be- weisen lässt. Vergl. Ramshorn Synonym. I, p. XCIX. Eben so wenig liegt, nach unserm Dafürhalten, in dem Begriffe von iter der unsers deutschen Bahn; ein Wort, das selbst im ge- meinen Leben seine ethische Bedeutsamkeit nicht verleugnen kann und der Ideenwelt angehört, für welche fVer nie gebraucht
40 BömischeLiUeratur. *
werden kann. Desgleichen dünkt uns ganz unnÖthig zn bemer- ken, dass Her nie diejenigen bezeichne, die einen Weg machen, Demi wozu vor Begriffen warnen, die keinem gesunden Ver- stände je und irgendwo beilallen, noch beigebracht werden können"? Wenn ferner zu den Worten audacius subsiaiere die üebersetzung als Erklärung gegeben wird: „mit recht viel Keckheit Halt machen;'' so vermissen wir hier, wie oft, Zweckmässigkeit der Behandlung und Genauigkeit der Inter- pretation. Nie und nirgends, lehrt Theorie und Lektüre, wird ein Coinparativ von correkten Schriftstellern gebraucht, ohne die vorhandne logisch erhöhte Potenz des Begriffes. So auch hier, wo der Comparativ mir das Befremdende der Erschei- nung andeutet, also: mit ziemlicher W(\\\i\\\t\i', mit mehr Kühn- heit, als man erwartet hätte. Wir verweisen auf Ramshorn gr; Gr. §. 154. S. 494. In dem gleich folgenden: nonnunquam et novissimo agmine proelio nostros lacessere coeperunt — hul- digt der Ilerausg. der gewiss sehr vagen Ansicht, dass et statt etiam gesetzt^ zur Steigefrung diene. Wir wollen wegen «nsers missbilligenden ürtheils uns nicht bloss auf Hand Tursetlin. II. p. 507 berufen; sondern glauben auch a priori, dass et und etiam nie als gleichbedeutend gelten können. Da nämlich et eine rein additionelle oder adnumerative Bedeutung hat; so wird es in der Mitte der Rede nur da gebraucht werden, wo noch ein Faktum^ ohne eingemischtes, subjektives Urtheil des Schriftstellers, zu frühern Thatsachen, oder ein Argument zu früheren absolut hingestellt, hinzugefügt wird. Daher, scheint uns, kann et in solchem Falle nie isolirt stehen; immer muss etwas Sehnliches ^ Verioandtes^ Analoges vorausgeiien, an das sich etwas Neues anreiht. In unserm praktischen Schul- leben pflegen wir für den Privatgebrauch der Jugend gern ein Hilfsmittel, wir möchten sagen ein Hausmittel, an die Hand zu geben, das zur Erkenntniss des Wahren und Rechten führe. So z. B. dünkt uns von der Art zu sein, wenn wir lehren: et werde man in solchen Fällen meist erklären können: dabei auch; daneben auch; bald auch; wie Liv. I, 59, 5. Ferocissi- mus quisque juvenum cum armis voluntarius ade^t; sequitur et cetera Juventus. So würde in Stellen, wo der Deutsche sagt: nicht lange, so folgten auch andre nach — es lateinisch heis- sen müssen: mox et alii saccedunt; nicht etiam^ noch qiioque. Ist Jemand geneigt, einem dunklen Gefühle folgend, an eine Stei- gerung zu glauben, der bedenke wenigstens, dass der Grund nicht in der Bedeutung von et liege, sondern in der Stellung der Copulativpartikel und darin, dass et unmittelbar anreiht, demnach eine schnelle (oft unerwartete) Aufeinanderfolge histo- rischer Thatsachen anzeigt. Wenn nun aber der Herausgeber fortfährt: novissimo agmine für ex oder ab nov. agm. gesagt auszugeben; so begreifen wir nicht, wie so etwas gerechtfer-
Caesaris Coimnenturii / lieavb. von Bauiuiitark, 41
tigt werden soll. Denn wollte Tacs. «licFS sai^en, dann wäre die Lesart der meisten Kditt. es nov. agm. unbedingt anzunehmen; und auf die Autorität der Codd. weiter nicht mehr zu achten; obschon uns ab dann besser diinkte, al» e.V. Soll aber der em^ fache y^blaiiv seine Gi'iltigkeit behalten, wogegen nichts Er- hebliches einzuwenden; so kann der Ablativ nur als Casus In- strumentalis genommen werden, gleichwie kurz vorlier quin- gentis equitibus tantam muititudinem propulerant; und wie an unzähligen andern Stellen. Auffallen darf nicht die Nähe zweier gleichbedeutender Casusverhältnisse; denn yroelio ver- schmilzt mit lacessere dergestalt zu einem Begriffe, das« es nur als Modification des auch absolut in demselben Sinne ge- brauchten lacessere steht. Wobei wir abermals ungern wahr- nehmen, wie der Heraus^, so manche unhaltbare Begriffsbestim- mungen seinem Commentare einverleibt hat, die sonnenklare Wahrheit in widriges Dunkel verhüllen. So soll proelio laces- sere heissen: durch einen Angriff zu Feindseligkeiten reizen! Und doch sagen die Worte nichts weiter, als den Feind durch leichte Angriffe beunruhigen; gegen ihn plänkeln. Denn jenes lacessere geschah eminus telis missis, so das« es mehr auf Neckerei und Beunruhigung abgesehen war, als auf ernsten Kampf. Daher Liv. XXXVII, 10, 9. dum missilibiis primo et adversus paucos levibus excursionibus lacessebatur magis cpiam conserebatur pugna. Was endlich die doppelte, fiir Schüler zu weitläuftige und unbestimmte Erklärung von uti inter — ho- stium agmen et nostrura primum non ainplius ([ximU aut senis milibus passuura interesset anlangt; so halten wir für das ein- fachste, interest im personellen Sinne zu nehmen, für spatium inter cedit , so dass grammatisch amplius — die Stelle des 5"?^^- jekts vertritt, obschon dem Sinne nach das Mass^ d. i. eine ad- verbiale Nebenbestimmung durch dieses Wort angegeben ist.
Doch wir brechen hier ab, weil wir überzeugt sind, für die Beurtheilung des Commentars nach Form und Inhalt des- selben, unsern Lesern hinreichende Mittel an die Hand gege- ben zu haben; bedauern jedoch, dass wir im Allgemeinen von der ausgesprochenen Meinung, dass die Arbeit des Verf. den Forderungen der V/issenschaft und einer naturgemässen, die Bedürfnisse der Schüler streng und sorgfältig beachtenden Methodik nicht entspreche, nach dem vorliegenden Thatbe- stande nicht abweichen können. Dabei aber glauben wir, dass der Herausg. bei seiner Vertrautheit mit Caesars Schriften und hei der im Unterrichte der Jugend gemachten Erfahrung, Voll- kommneres leisten konnte und bei einer unparteiischen Würdi- gung fremde Urtheile, vielleicht auch des unsrigen, diese Schul- ausgabe allmälichder freiwillig gewählten und gesetzten Bestim- mung näher zu bringen geneigt und bemüht sein werde. Wo- bei wir auch nicht verhehlen wollen, dass der Heraus£[eb. auf
48 RümiscIieLitteratur.
die Correktheif und Bestimmtheit seines deutschen Ausdrnclca nach unserm Eri^essen, zumal in einem fvr Sprachbildung und für die Jugend berechneten Werke, weit autmerl<saraer hätte sein sollen, indem in der vorliegenden Ausgabe die Beispiele von Vernachlässigung jener beiden wesentlichen Eigenschaften des Styls fast zu gehäuft sich vorfinden. Wir erwähnen nur zur Rechtfertigung des ausgesprochenen Tadels die mehrmals sich findende falsche Construktion von statt dem S. 20 und eine Blenge von Redensarten, Wendungen und Satzfiigungen, die mehr oder weniger dem allgemein anerkannten Sprachgebrauche oder den logischen Gesetzen oder den Regeln und Grundsätzen des als classisch anerkannten Ausdrucks und Satzbaues, ja selbst dem guten Geschmacke widersprechen. Dahin rechnen wir S. 545. Keine Naclit verging, selbst auf den längsten Mär- schen nichts wo die Armeen der Römer nicht ein Lager etc. und Vorrede S. IV. Je nachdem man zu der einen oder anderen Meinung hinneigt^ ebenso S. IX. — in eben dieser Art ('?) wer- den sich auch die Forderungen gestalten. S. V. bei besagtem Mangel, ebenso S. V[. IX. — zu der Erklärung und Ueberse- tzung des Schriftstellers xorherQÜ^i hinzutreten — S. Vi. We- niges gründlich durchzumachen — in einer eben so grossen Zeit — Liebe zum Schriftsteller und zur lateim'schenhtkliirQ — (ein Ausdruck, der sich nicht wohl mit dem Zwecke einea grammatischen, ernsten Studiums der latein. Sprache verträgt) in wöchentlichen zwei Stunden ein jährliches Pensum von 40 Kapiteln des Livius zu Sta?ide bringen — praktische Lehrerthä- tigkeit (kaum zu rechtfertigendes Compositum, so wenig als S, XXII. Recht SV erachtung). Caesars Commentarien sind gewöhn- lich dasjenige Buch , was man — dem Schüler in die Hände giebt. — Eine Satzverbindung, wie folgende ist ganz fehlerhaft: diese Commentarien werden also gewöhnlich von Tertianern gelesen und wo möglich die Lektüre AQv%e\\ie,n — fortgesetzt. S. VII. findet sich nicht bloss, wie sonst oft, S. IX. die Inter- punktion vernachlässigt, besonders das Semicolon und Colon, sondern auch ein Beispiel von der raehrinals erwähnten Unbe- stimmtheit des Ausdrucks und der Begrilfe, dem grade das grammatische Studium alter Sprache mit allem Ernste wehren soll. Es heisst: Ein Vorzug der Ausgabe wird darin bestehen, dass grade darüber Belehrung erlheilt wird, ivoran Schüler dieses Alters anstossen; richtiger und bestimmter: über solche Gegenstände, an ivelchen etc. S. VIII. ich glaube behaupten zu dürfen, dass beide Ausgaben den Bedürfnissen der Schüler nicht entsprechen und a7ipasse?i. Dahin gehört auch S. X. der Ausdruck: auf Unterscheidung der Synonymen einen grossen Nachdruck legen. Mehrmals gebrauciit der Verfasser den Aus- druck y?zs/; sagt vonCaes., er habe sich verehelicht^ von Pompe- jus S. XVII. er ejitschlüpfte ; beides nicht angemessen! S. Xlil.
Platonis Convlvium ed. Hommel. 49
ist zu wenig genau im Gebrauch der Pronomina, wenn es heisst S. XV. Sein College im Consulat war Uibulus, dem er bald so grosse Furcht einjagte, dass er sich nicht unterstand im Senate zu erscheinen; — desgl. ebendas. ein Gesetz^ wor- nach. Die Wahl der Prädikate scheint uns auch nicht immer passend, z. B. S. XIX. unmässig zuversichtlich^ S. XXVI. in ein verdächtiges Licht gezogen. Auch schreibt der Verf. die Consu/e72, ein Legate^ liebt überhaupt die gedehntem und brei- tern Wortformen, z. B. die anderen^ letzteren^ und hütet sich zu wenig vor lästigen Wiederholungen , z. B. S. XV. er hatte nicht nur eine grosse Armee, sondern auch so grosse Reich- thümer, dass er seine Macht rer^rö«se/'w konnte. Ausdrücke, wie Caes. se/nichtete die Macht der Feinde — sind nicht nach- zuahmen, so wie wir auch ^Q^Qn die Orthographie des Verf. gar Vieles zu erinnern hätten , wenn es nicht Zeit wäre einzn- halten.
Zum Schlüsse nur noch die Versicherung, dass wir jener von dem Herausgeber zum Vorbilde genommenen Bearbeitung des Cornel. Nepos von dem wackern und nach besstem Gewissen sorgfältigen Vähne , ungeachtet der auch an dieser Ausgabe gerügten, vielfachen Mängel — in Vergleich mit dem Commen- tar des Herrn Baumstark den Vorzug einräumen müssten, na- mentlich auch in Ansehung des bestimmteren und correktern Ausdrucks. Darum gilt uns auch jetzt noch als Endresultat, dass die Arbeit des Hrn. Baumstark dem Lehrer^ vorzüglich wegen des gegebnen Materials, von welchem nach Belieben und Ermessen ein freier Gebrauch gestattet bleibt, brauchbarer sein dürfte, als dem Kreise und Alter von Schülern, für welche der Herausgeb. gearbeitet zu haben versichert.
Herzog,
nJATSlNOE ZTMn02JI0N. Plato7iis Convivium. Recensuit, emcndavit, illustravit Alexander Hommel, Dr. phil. Lipsiae surapt. Frider. Fleischeri. 1834. XLVI u. 420 S. gr. 8.
Wenn der Umfang und die äussere Erscheinung eines Bu- ches immer auch mit Sicherheit auf den Innern Werth dessel- ben schliessen Hessen: so müsste man die vorliegende neue Ausgabe des Piaton. Gastmahls mit freudiger Erwartung zur Hand nehmen, da sie sowohl an Volumen als an Eleganz der Ausstattung ihre Vorgängerinnen übertrifft. Recens. gesteht, dass auch ihn der erste Anblick mit einer solchen Erwartung erfüllte, bedauert aber, sich zu dem Bekenntnisse genöthigt zu sehen, dass dieser erste Eindruck bei einem nähern Ein- blick gar sehr herabgestimmt worden ist. Die Wahrheit er- fordert dieses Bekenntniss, obgleich es uns leid thut, dieses
jy. Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. Bibl. Bd. XIV Hfi. 5. ^
^0 Cx r i e c b i ä c li e L i 1 1 c r a t u r.
öffentlicli ablegen zu müssen, da wir in dem Herrn Ileraua- geber einen jungen Mann erkennen, der mit Talent, mit Liebe und Empfängliciikeit für d^n Geist des Aitertliums den nöthi- gen Eifer fiir die PJrfor?ichung desselben verbindet, um der- einst noch reifere Früchte seiner Studien erwarten zu lassen, wenn diese sich erst noch weiter ausgebreitet haben werden, wenn der natürliciie Sinn durcii anhaltende verständige Leetüre geregelt, der Gesclwnack geläutert, die Grundsätze befestigt, wenn mit einem Worte ein grösserer Reichthum an äussern und Innern Mitteln durch Zeit und Sttuliuin von ihm gewonnen sein wird. Jetzt können wir in der vorliegenden Arbeit nicht mehr als die noch ziemlich unreife P^rucht von Studien erkennen, de- nen erst noch eine geraume Zeit hätte gegönnt werden sollen, um sicli gehörig zu setzen und aufzuklären. Denn ausser man- nichfaltigen Flüchtigkeiten im Styl nnd Ausdruck gibt auch die ganze gemächliche Breite der Darstellung, die oft mehrmalige Wiederholung derselben Bemerkung mit allerlei Zusätzen und Berichtigungen, die übereilte Hast der Ürtheile, die Dürftig- keit der Erklärung vornämlich in historischer Hinsiclit, für welche andere Quellen, als das von dem Verfasser für genü- gend erachtete ingenium, aufzusuchen und zu benutzen waren, hinreichendes Zeugniss, dass dessen Anmerkungen, so wie sie zuerst aus der Feder geflossen, dem Publicum vorgelegt wor- den sind, ohne einer mehrmaligen prüfenden Durchsicht, Con- centrirung und Einigung unterworfen zu werden. In der That weiss man unter diesen Umständen nicht, für welche Claese von Lesern Ilr. H. eigentlich seine Ausgabe bestimmt hat, zn- mal da er selbst auch sich darüber nicht näher ausspricht. Dem Anfänger kann sie nicht zusagen, denn für diesen enthält sie theils zu viel, theils zu wenig; zu wenig nämlich Neues, Siche- res, Bestimmtes, was ihn in der Keimtniss der Grammatik überhaupt, und des Piaton. Sprachgebrauches insbesondere, in der Uebung der ürtheilskraft durch eine besonnene, und nicht bloss illusorische Kritik, in der Bekanntschaft mit dem Geiste Piatons, und des gesammten Alterthums auf eine solide Weise fördern könnte; zu viel aber in dem Schwall der Worte, in der zu weit getriebenen Kritisirung von Erklärungs- und üe- bersetzungsverschiedenheiten, in den häufigen, nicht durch die Sache selbst gegebenen, sondern oft absichtlich gesuchten Ab- schweifungen. Die Ansprüche des eigentlichen Philologen aber wird diese Ausgabe noch weniger befriedigen, weil sie densel- ben weder neue Hülfsmittel liefert, noch die vorhandenen auf selbstständigem Wege und mit frei und sicher schaffender Hand 80 benutzt oder ausgebeutet hat, dass diese dadurch entbehr- lich würden, überhaupt aber durch die ganze üebung des phi- lologischen Geschäfts in Kritik und Erklärung zu wenig neue und ernste Resultate liefert, ja selbst in formeller Hinsicht der
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Wissenschaft zn wenig Gewinn verspricht. Zu diesem, wie es scheinen konnte, harten ürtheile wird das Folgende die Belege enthalten, welclie }lec.^ wie es sicli ergeben wird, eben nicht mühsam und absichtlich zusammengesucht hat.
Wir wenden uns zuerst zu der dem Text und Commentar vorangellenden Commentatio. Getäuscht würde sich sehen, wer darin neue Aufschlüsse über die Veranlassung, die Zeit der Abfassung, den Hauptinhalt und Zweck dieses Dialogs, über das Verhältniss seiner Theile, die Beziehungen der darin redenden Personen, und des Inhalts ihrer Reden zum Ganzen, über die künstlerische Komposition u.dgl. suchen wollte, Fra- gen, welche entwetler der Verfasser ganz übergangen, oder auf eine so oberflächliche Weise und mit so seichten Gründen erörtert hat, dass dasjenige, was er als Resultat seiner Unter- suchung hinstellt, als eine blosse subjective Meinung erschei- nen muss, die nicht einmal durch die Wahrnehmung einer ge- wissen Totalität und einer inncrn relativen Nothwendigkeit be- friedigt, geschvveige denn die Ueberzeugung besserer Bcleh- rufig aufkommen lässt. Rots eher 's Schrift über das Piaton. Gastmahl scheint der Verfasser gar nicht gekannt zu Iiaben, sonst würde er, wenn er sie!» auch nicht mit dem ganzen In- halte derselben hätte verständigen mögen, doch wenigstens durch sie auf den Weg gewiesen worden sein, auf welchem die Untersuchung über das Wesen eines philosophischen Kunst- werks, für welches doch Hr. H. selbst das Symposion gelten lässt, geführt werden muss. Hr. H. aber bleibt bloss bei de« Theilen stehen, ohne zum Ganzen zu gelangen, und besonders die Hauptfrage befriedigend zu lösen, was denn Eros im Sinne des Piaton sei, wie die Sokratische Rede in Wesen und Form sich von denen der übrigen Redner unterscheide, und welches Verhältnissund welche Stufenfolge zwischen diesen und jener Statt finde. Vielleicht hat jedoch Hr. H. selbst nicht bis auf diese Höhe steigen wollen, indem er als den Zweck seiner Ab- handlung p. XII nur dieses angibt, dass dadurch den Lesern seiner Ausgabe das Verständniss und die Beurtheilung seiner Ansichten habe erleichtert werden sollen. — Der Inhalt der- selben ist kürzlich folgender. Zuerst wird der Inhalt der er- sten fünf die Handlung einleitenden Capitel ausführlich ange- geben, so, dass der Verf., indem er sich wie auch bei den folgenden Reden einerseits ganz genau fast in wörtlicher Ue- bersetzung an die Worte Piatons hält, doch andererseits in die- selben seine eigenen nicht selten unbegründeten Meinungen und Erklärungen mit einwebt. Als unbegründet müssen wir gleich die Behauptung ansehen, welche Hr. H. p. XIII. XXII. und im Commentar zu den ersten Worten des Textes ausspricht, dass Apollodor, indem er zum zweiten Male die bei dem Gastmahle des Agathen gehaltenen Reden erzähle, dieses unter Weges
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lliue bei der Rückkehr aus der Sladt, wo einige Freunde sich an ihn angeschlossen, nnd darum ersucJit hätten. Die Worte, auf welche Hr. II. die«e Annahme gründet, sind p. l'JSC. ii ovv ön X(xl v^iv 8nqy')](5a6%ca, rccvta xQrj nouiv. Denn so will er, nicht tavxa^ gelesen, und dieses xavid nicht von der Wiederholung der ErzJihlung selbst, sondern auch von Aen äussern Umständen derselben, welche die vorangelienden W^orte ovTd öl] lovzEg itic. anzeigen, verstanden haben. Aber abge- sehen davon, dass es in diesem Falle wolil eher oigavtaq ge- heissen haben würde, so ist es aucli sehr roisslich , auf eine mehr als verdächtige Leseart eine Meinung zu gründen, die der Inconvenicnzen so viele hat. Denn warum sollte ApoUodor, der in Phaleron wohnte, mehrere Tage in der Stadt geblieben sein, da doch jenes von dieser nicht weit entfernt war*? Und würde es nicht wenig Erfindungsgabe und Geschick der Ein- kleidung verrathen , wenn Piaton den Apollodor dieselbe Sache zuerst beim Hingänge in die Stadt dem Glaukon, und dann wie- der auf dem Rückwege einer ganzen Schaar von Freunden hätte erzählen lassen? Lieber nehmen wir an, dass Piaton den Ort lind die Umstände der zweiten Erzählung, weil darauf weit weniger als auf die Personen ankömmt, absichtlich im Dunkeln gelassen habe.
Hierauf geht Hr. H. zu der Frage über, welche unter den Reden über den Eros die wichtigste sei*? Indem er nun diese mit Recht in der Rede des Sokrates findet, beweist er dieses aus einigen mehr oder minder klaren Andeutungen, die in der Schrift selbst angegeben sind, keineswegs aber, was doch der Ilauptbeweis sein musste, aus dem Geiste dieser Rede selbst, aus der philosophischen Gründlichkeit, mit welcher der Gegen- stand untersucht wird, aus der Erhabenheit, zu welcher sich die Betrachtung aufschwingt, aus der Uebereinstimmung, in welche diese Ansicht mit der ganzen Platonischen Lehre von dem Wesen und höchsten Zwecke der Philosophie tritt. Hier- an hätte sich nun leicht nnd natürlich die Frage über das Ver- hältniss der übrigen Reden zu der Sokratischen angeschlossen, eine Frage, zu welcher FIr. H. erst später zurückkehrt, nach- dem er zuvor über die Nebenpersonen Apollodoros, Glaukon, und die Freunde des Apollodoros gesprochen. In Hinsicht des erstem ist auch der Verf. der Meinung, dass Piaton desswegen ihn zum Erzähler gemacht habe, damit durch seinen Mund, dieses gutmüthigen und beschränkten, aber enthusiastischsten Jüngers des Sokrates, die Relation desto mehr den Schein der Treue gewinne. So unbezweifelt dieses ist, so musste der Verf. eben auch in diesem Umstände eine Andeutung finden, wie al- les in der ganzen Schrift auf den Sokrates als die Hauptperson hinziele. Und wenn der Verf. mit Recht auf die Kunst hin- weist, mit welcher Piaton die Scenen seiner Dialogen anordnet
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und in alles die höchste poetisclie Wahrheit bringt: so hätte er auch noch daran erinnern mögen, dass derselbe mit Absiclit die Zeit der Erzählung von der Zeit der wirklichen Feier des Gastmahle um ein beträchtliches entfernt (p. 172 C. sqq ), um auch so die poetische Freiheit mit der historischen Treue nicht in Conflict zu bringen. Die Worte TcalÖcov ovxcov tJlicjv kann man doch wohl nur im einfachen Sinne von den wirklichen Knabenjahren des Apollodor verstehen, obgleicIiIlr.il. einen Doppelsiim darin findet, und sie de eo tempore deutelt, quo expers fuit Socraticae disciplinae Apollodorus. Wie aber Hr. JI. p. XXII aussprechen konnte, Piaton habe mit diesen Wor- ten zwar die Zeit, wo die Reden gehalten wurden, arizeigen, aber nicht den Glauben erwecken wollen, dass sie wirklich zu jener Zeit, sondern nur, dass sie ehedem einmal (olim) gehal- ten worden, können wir nicht verstehen. Hat ja doch l'laton durch den Zusatz vre rrj tcqcoti] rgaycoöla lvi/.)]GbV '^ydd'cov deutlich genug gesagt, da;«« sie am Siegesfeste des Agathon gehalten worden, mochten sie nun \\ irklich gehalten, oder von ihm erfunden sein. Den Glaukon haben wir immer als den rei- nen Gegensatz des enthusiastischen Philosophenjungers Apollo- dor betrachtet, als i\tn ruhigen, kalten Geschäftsmann, der bis dahin sich wenig um philosophische Dinge bekümmert hat, und daher auch, wie die Freunde, denen Apollodor zum zwei- ten 31ale das Gastmahl erzählt, den bloss passiven und stum- men Zuhörer bei der Erzählung abgibt, ohne weiter eine Theil- nahme und ein eigenes Interesse an den Gegenständen dersel- ben zu verrathen. Herr H. weiss aus diesem Charakter mehr herauszudeuten, und meint, Piaton habe durch ihn zeigen wol- len: quo animo ad libeili lectionem accedendum sit. Denn Ge- schäftsleute pflegten einen einmal vorgesetzten Zweck mit un- glaublicher Emsigkeit zu verfolgen und alles Andere nicht zu achten. Darum verlange Glaukon nichts weiter, als die Er- zählung der Reden. Wenn nun der Leser eben so wie Glaukon verfahre, so werde er wohl die Wahrheit in den Reden von der von Piaton erfundenen äussern Decoration derScene durch Zeit, umstände, Handlung zu scheiden wissen. Wir unsres TheiU finden in den Worten Piatons nichts, was diese Meinung be- stärken könnte. Im Gegentheil sehen wir, dass Glaukon auf eine dem in solchen Dingen wenig bewanderten Manne ganz natürliche Weise eben nach den äussern Umständen, unter de- nen die Gesellschaft Statt gefunden habe, fragt, wodurch Pia- ton sich eben das Motiv bereitet, dieselben durch den Apollo- dor näher angeben zu lassen.
Nun lässt Hr. H. die Inhaltsangabe der einzelnen Reden nach den einzelnen Capiteln folgen, und knüpft daran bei je- der einzelnen eitiige Bemerkungen über das FJigenthümliche der- selben. Statt diesen Weg zu gehen, hätte der Verf. wohl
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besser getlian, diese Bemerkungen erst nach der vollständigen Angabe des Inhalts aller Reden folgen zu lassen, >vcii er so von selbst darauf geführt worden wäre, die lleden raehr unter einander in Beziehnng auf ihren gemeinsamen Gegenstand und die allen gestellte Aufgabe zu vergleiclien, und somit deutliclier lierauszustellen, was durch eine jede derselben gewonnen, und wie weit der Aufgabe näher gekommen wäre, und welches Band tier Einlieit sie alle umschlinge. Vergebens sucht man bei Hrn. Jl. über diese Verhältnisse nähere Aufschlüsse; was er über die einzelnen Reden sagt, ist meist nur etwas Einzelnes, Aeusser- liches, aus einzelnen Merkmalen Aufgegriffenes, wobei man ge- rade über die Hauptsache, den innern Zusammenhang der Auf- fassung und Darstellung mit dem Wesen des Objectes und die fortschreitende mehrseitige Entwickelung desselben im Dunkeln bleibt. Von der Rede des Phädros nun sagt Hr. H. gar nichts weiter, als sie repräsentire die Mythologie der Griechen, oder wie er wohl richtiger sagen will, das religiöse Element des Le- bens, da er ein Gewicht darauflegt, dass Phädros über die Vernachlässigung des Eros klage. ( Vergl. auch pag. XLHL) Aber wie auch Phädros ein Freund der Mythen war, und, was der Verfasser in Verbincinng damit zu brinjren sucht, ein treuer Anhänger der Aerzte, so hat die letztere Eigenschaft nicht nur mit der erstem keinen natürlichen Zusammenhang, sondern auch auf dessen Rede gar keinen, jene aber nur den Einfiuss, dass er aus der Mythologie nur die Beispiele für diejenigen Eigenschaften und Wirkungen entlehnt, die er an dem Eros preist. In wiefern aber diese in dem Wesen des Eros liegen, oder wie sie aus ihm abgeleitet, aus welchem Gesichtspuncte in Folge dessen der Gott dargestellt sei, und welches Gepräge demnach die Rede des Phädros an sich trage, alle diese Fra- gen erhalten durch den kahlen Ausspruch des Verfassers, dass die Rede des Phädros die Mythologie repräsentire, keine Lö- sung. Statt dessen schweift der Verf. zu der Erklärung von Plat. Phaedr. p. 229 e. ab, wo er unter dygoUoy xlvI 6o(pia nicht illiberalem^ sondern im eigentlichen Sinne rttsticcnn ver- standen haben will, denn „ ut rusticus agri superficiem conver- lit acie rastri vel aratri, ita mythorum iaterpres rationis auxi- Jio mylhos convertit, atque internum eorum sensum eruens dul- cissimis gratissimisque narrationibus nudam aliquam rem anti- quis factam temporibus snbstituit," Welche Vergleichung! Und ist denn in ngogßißcc^tLV Tiara x6 elxog vom Umkehren und Umstürzen die Rede, dass Piaton durch diesen Ausspruch auf eine solche Vergleichung gekommen wäre*?
Wie die Rede des Phädros die Mythologie, so, meint Hr. H., reprä>.entire die des Pausanias die Politik, und diess scheint ihm so klar, dass es keiner weitem Auslegung bedürfe. Denn Puusanias sei ein Zuhörer des Prodikoä , und dieser ein Schüler
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des Pro<Qgoras gewesen, uelclicr von der PoHHk Profcss ge- macht. UebrigeiJS Iiabc PauFaiiias mit dem Prodikoa das Weirli- liclie und Wollüstige (i)icht dieses, sondern Weielilirhkeit und Verzärtelung wird dem Prodikos f)ei:relegt. PJiilostr. Vit. Sopli. Xll. p. 49ß e. d. Olear. cf. Plat. Protag. p. 315 d. Weicker im Rhein. Mus. für Philol. 1. Jalirg. 1. Hit. S. 1-40.) gemein, wie sein Aufenthalt beim Archelaos in IMacedonien und diese Rede beweise, welche keinen andern Zweck habe quam ut juvenibus licere dicatur llagitiosis esse virlnlis causa. ])enn Fausanias wisse die Saclie so darzustellen, dass die Knaben- liebe, wenn auch verurtheilt durcfi die Stimme der Tugend- haften, dennoch gesetzmässig ersclieine, und es sei ihm nicht in den Sinn gekommen zu sagen, dass durcli die Knabenliebe die Tugend befördert werde. Wie folgt denn nun daraus, dass des Pausanias Rede die Politik repräsentire? und wei- chen Einlluss hat Eros auf die Politik? Das liätte doch vor allem aus dieser Rede selbst dargethan werden sollen. Aber, kann man fragen, woher weiss denn der Verf. alle diese schö- nen Sachen'] AVoher weiss er, dass Pausanias so wolliislig ga- wesen sei'? Er schliesst es aus dem Aufenthalte in Macedonien. Aber dann raüsste derselbe Vorwurf alle die Männer treffen, die an jenem prächtigen und Vippigen, aber nicht wollüstigen Hofe gelebt liaben. Er deutet es p. XXXV aus einem Ge- ecliichtchen, das Aelian. V. H. II, c. 21 von Pausanias und Agc- thon erzählt, in dessen Erzählung aber erst der schlimme Sinn hineingelegt wird, er deutet es endlich aus dieser Rede heraus durch gänzliche Verdrehung dyQOiKCp tivX öotpia. Wie*? Die Rede des Pausanias soll manifeste beweisen, dass dieser wei- bisch und wollüstig gewesen? er, der einen doppelten Eros un- terscheidet, und den einen verwerflich, den andern löblich nennt? der allein die männliche Liebe preist, weil sie stark und dauernd sei, und zur Tugend und zu den edelsten Thaten begeistere? der ausdrücklich die Liebe eine schlechte und ge- meine nennt, die den Leib mehr als die Seele liebe? Hätte doch Hr. H. die treffliche Abhandlung des ehrwürdigen Jacobs Vlber die Männerliebe der Griechen gekannt (s. dessen Äkadem. Reden u. Abhandl, 1. Abthl. S. 212 — 254.), so würde er auch über des Pausanias Rede anders geurtheilt haben! (s. das. S. 230 ff.). Aber wie unser Verf. den Schriftsteller versteht und erklärt, davon gibt er wieiicr eine Probe p. XXX, indem er die Worte p. 182 b. so deutet: in Elis und Böotien halte man desswegen die Hingebung der Jünglinge an die Liebhaber für unbedingt löblicli, ut libidines facilius expleant, quippe metuentes, ne frustra juvenes ad nequitias dicendo alliciant! — Um nicht zu weitläuftig zu werden, begnügt sich Rec. von dem Weilern Inhalte der Abhandhing nur zu berichten. W^eil in der Rede des Eryximachos von der Arzneikunde, der Gymnastik,
56 Griechische Littcratur.
dem Landbau, der Musik, der Astronomie gesprochen wird, und Hippias, dessen Lehrer, einige dieser Wissenschaften ge- lehrt habe: so folgerte der Verf., des Eryximachos Rede re- präsentire die Wissenschaften. Die des Aristophanes, sagt er weiter, repräsentire die Kunst; als ein Muster der Kunst habe Flaton den in derselben enthaltenen Mythus dargestellt, wel- cher den Aristophanischen Charakter der Satyre durch die Anwendung auf den Pausanias und Agathon erhalte. Um die- ses zu beweisen, erinnert Ilr. H. an die Worte p. 193 b. Tcal ^}] ^01 VTtoXäß]] etc., welche sich doch nur auf die nächstvor- hergehenden o t(dv vvv oXlyoi Ttoiovöiv beziehen. Die vom Aristophanes beschriebene Zerschneidung der Menschen deu- tet er auf eine Art von verliebtem Schmollen, welches zwi- schen Pausanias und Agathon bestanden habe, wie sich aus dem oben berührten Geschichtchen des Aelian und aus dem Umstände ergebe, dass Pausanias und Agathon nicht neben einander bei Tische liegen, eine Trennung, aus welcher man sehen könne, dass die beiden Liebenden nicht zu jener innig- sten Vereinigung gelangt wären, bei welcher man, wie Aristo- phanes sage, auch nicht einen Augenblick getrennt sein möchte. Und dieses Schmollen, mit welchem sich Agathon vom Pausa- nias entferne, habe keinen andern Grund gehabt, als ut aculeos libidini amatoris adderet. So sind denn freilich diese rafiinir- ten Lüstlinge würdig, dass Aristophanes die ganze Schärfe sei- ner Geissei sie fühlen lasse Aber sie haben es auch abbekom- men, denn selbst mit den Worten p. 193 b. cog IJuvöaviav xal ^Aya^ava liya bezeichnet er sie durch einen meisterhaften Ca- lembourg als navöa^ivovg tc5v dya&cov , d. i. homines parum virilitate gaudentes, sed elumbes, effeminatos, enervatos!
üeber des Agathon Rede sagt der Verf. bloss, es werde dadurch die Dreistigkeit der Sophisten verspottet, über alles sprechen zu wollen, was sie nicht verstanden, des Gorgias aber werde nur gedacht, um das Wortspiel mit der Gorgo vorzubringen. Da nun in der Mythologie, der Politik, der Wissenschaft und der Kunst das ganze Leben der Menschheit bestehe (?), so sei kaum zweifelhaft, dass Piaton durch die vier ersten Reden den traurigen Zustand des Lebens habe schil- dern wollen, welches seiner wahren Grundlage entbehre. Diese Grundlage sei die Mythologie (die Religion*?). Aber des Phä- dros Rede gebe diese Grundlage nicht, denn sie enthalte nicht vernunftgemässe Mythen, sondern willkürliche Meinungen eini- ger alten Schriftsteller; nicht Pausanias, weil er den Unter- schied absolut guter und schlechter Handlungen aufhebe und um der Tugend willen der Jugend das Laster gestatte; nicht des Eryximachos Weisheit: „quae omnis ad vitae publicae a Fausania descriptae analogiam directa est. '^ (Diese Worte be- kennt Recens. nicht zu verstehen.) Die Komödie habe zwar
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die Irrthümer und die Schlechtigkeit der Menschen zu tadehi, aber die Laster nicht zu bessern vermoclit, das Lehen sei täg- lich schlechter geworden, und die Sophistik, schon in das Fun- dament des Lebens (die Mythologie in der Rede des Phädros) aufgenommen, hie und da in den übrigen Reden sichtbar, sei in ihrer Naktheit hervorgetreten, und habe durch die Aufhe- bung des Unterschieds zwischen Wahr und Falsch das Leben gänzlich zu Grunde richten müssen. Da sei Sokrates aufgetre- ten, und dem Leben zu Hülfe gekommen, und habe das Fun- dament desselben befestigt. Es habe aber das Leben beruhet auf der Würde des Alterthums (vorher hiess die Mythologie das Fundament des Lebens), an deren Stelle habe nun Sokra- tes die Vernunft der einzelnen Menschen gesetzt (?). Damit aber den Menschen nicht die alte Gewohnheit des Glaubens (an die Gottheit des Eros?) entrissen würde, habe er den Eros zu einem Dämon gemacht, welcher die Menschen enger mit der Gottheit verbinde, und seinem Mythus von der ]\atur dessel- ben die gewöhnliche Meinung künstlich eingewebt. So scheine er denn dieses bezweckt zu haben, den Eros zum Fundamente des ganzen Lebens zu machen, in so fern durch ihn die Men- schen zur W^eisheit geführt würden. So habe man schon vor Alters den Piaton verstanden, und so sei es durch irgend einen Zufall gekommen, dass p. 183 a. das Wort (pikoöocpiag dem Texte beigesetzt worden , welches Hr. H, nicht mit den fol- genden Worten ^iyiOxa — ovBidr] ^ sondern mit den vorherge- henden verbindet, aber für unächt erklärt. Es sei aber kaum zu zweifeln, dass unter dem Namen Eros das Wesen des menschlichen Geschlechts selbst gemeint sei, „quae (indoles) media inter naturam rerum et deos collocata ut in physicis, ita in ethicis, aeternae felicitatis desiderio teneretur." Wie kann nun aber, fragen wir, wenn Eros ein Dämon und als solcher ein Vermittler zwischen Menschen und Göttern ist, derselbe zugleich die menschliche Natur selbst sein, welche in der Mitte zwischen der vernunftlosen Welt (natura rerum) und der Gott- heit steht? Und wie wird denn nun begriffen, was Eros ei- gentlich im menschlichen Wesen sei, und u^ie er die Menschen zur Weisheit, Tugend und Glückseligkeit lühre?
In der Lobrede des Alkibiades erkennt der Verf. den dop- pelten Zweck, in dem Sokrates das Beispiel eines Mannes auf- zustellen, dessen Leben durch den Eros geleitet werde, und zugleich gewisse durch den Aristophanes verbreitete falsche Meinungen über ihn zu widerlegen. Die nahe liegende Frage aber, wie es komme, dass, wenn Piaton diese Widerlegung der Mühe werth fand, er doch beide Männer so friedlich und freundlich in fröhlicher Gesellschaft bis auf den letzten Mann beisammen weilen lasse, hat Hr. H. niclit berührt.
5S Criechische Litteratur.
Wir kommen nunmehr zum Commentar, indem wir znerpt die kritische Seite desselben betrachten. Den Text gibt Hr. H. jrrösstentheils nach Stalibaum , von dessen Recension er nur Jiier und da ans Gründen, die er jedesmal in den Anmerkungen näher auseinander setzt, abgewichen ist. Die Interpunction ist öfter, jedoch selten zum Vortheil , geändert. Neue Ilülfsmit- lel standen dem Hrn. Herausgeber nicht zu Gebote. Da er aber überzeugt ist, dass es, wie in den übrigen Schriften Pia- tons, so auch im Symposion, noch viele Stellen gebe, deren Leseart entweder verdächtig, oder offenbar verdorben sei, und für welclje sich in den Codd. keine Hülfsmittel linden: so, sagt Hr. H., habe er sich bemüht, der äussern Autorität die innere entgegenzustellen, und jene Schäden conjecturis ingenii weg- zuschaffen. Leider sieht sich Rec. genöthigt, Hrn. H. auf das Üebereilte dieses Bemühens aufmerksam zu machen, indem dasselbe auf einer mehrfachen Täuschung beruht. Denn erst- lich täuscht sich Hr. H. , indem er eine so grosse Menge von Stellen, beinahe ein halbes Hundert, für verdorben oder ver- dächtig hält, weil sie ihm vielleicht beim ersten Anblicke so erschienen, ferner aber darin, dass er sich schon jetzt im Be- sitz aller der Erfordernisse zu sein wähnt, welche dazu gehö- ren, wenn Conjecturen mehr als blosse Spielerei und Einfälle Rein sollen. Jedenfalls hätte er besser gethan, sein Urtheil so lange zurückzuhalten, bis er nach mehrmaliger Ueberlegung bei ausgebreiteterer Leclüre, bei gediegenerer Kenntniss der Sprache, des Schriftstellers und des Alterthuma überhaupt, und bei geläuterterem Geschmacke sich fortwährend von der Verderbtheit des Textes und der Richtigkeit seiner Emenda- tionen überzeugt gefunden hätte. So hätte sich Hr. H. die wenig erfreuliche Erfahrung erspart, die er vielleicht schon jetzt gemacht hat, eine seiner schönen Conjecturen nach der andern in sich selbst zerfallen zu sehen, oder sie selbst als Fehl- und Missgeburten verleugnen zu müssen. Denn, es thut uns leid diess zu sagen, unter der grossen Menge derselben haben wir kaum eine gefunden, die durch innere Nothwendig- keit und Evidenz als eine wirkliche Verbesserung sich auswie- f:e, die übrigen alle sind entweder unnöthige, oder gar falsche, aus Missverständniss hervorgegangene, zum Theil von auffal- lendem Mangel an richtigem Tact und Geschmack zeugende Aenderungen. Zum Glück hat Hr. H. sich enthalten, das, was er für Verbesserungen hielt, in den Text selbst aufzuneh- men, sonst würde derselbe durch eben so viele Verfälschungen verunstaltet und völlig unbrauchbar geworden sein. Ueberhaupt wird derselbe die Kritik in Zukunft weit ernsthafter betreiben müssen, wenn er auf diesem Felde für sich und Andere etwas Erspriessliches leisten will. Kaum haben wir hier und da ein- mal ausser dem Bodl. einen Codex genannt gefunden ; von der
IMütonls Convivlum ed. llomiuel. 59
Kescliaff'enheit und dem Werthe derselben ist nirgends die Re- de, meist ^iiid sie nur in liausch und Bogen durch codd. oder codd. nounuUi, plures, plurimi bezeichnet. Wir vollen mit dem Herausgeber nicht über die Auswalil der Legearten rech- ten, die er in den Anmerkungen besprochen hat, sonst könn- ten wir mehrere aniühren, die übergangen sind , ohngeachiet CS sich in mehr als einer Hinsicht der 31ülie iolnite, sie in nähere Erwägung zu ziehen. Aber eii;en Umstand können wir nicht ungerügt lassen, den, wir wissen nicht, ob Flüchtigkeit, oder eine an Hrn. H. sonst nicht gewohnte Behutsamkeit ver- ischuldet hat, nämlich dass der im Texte stehenden Leseart die dazu gehörende Anmerkung geradezu widerspriclit, inso- fern jene verworfen, und eine ganz andere als in demselben stehend angenommen wird. So steht z. B. p. 191 C. im Texte: ^ezi^rjüä t£ ovv ovzcjg avtu dg t6 TCQÖgdaVj der Anmerkung aber ist avtcjv vorgesetzt, und im Verlauf derselben zeigt sich, dass beides verworfen wird. p. 199 d. gibt der Text vlog ilvai XLvog 6 "Egag^ während der Anmerkung die Bekkersche Lese- art olog livai XLVog 6 "Egcog £QCog voransteht, p. 207 c. im Texte: el roivvv, l(pri^ Ttiöttvaig, in der Note: tl' rot vvv» p. 208 c. üLvdvvovg — TcdvTag, aber in der Anmerkung sagt Herr H. , er habe nach der Autorität der codicum meiioruni (welcher?) TtdvTsg aufgenommen, weil jenes ein unnützer und den Gedanken schwächender Zusatz sei, obgleich jeder sieiit, dass denselben das folgende oirg mmg ovv entspricht; p. 213b. Tig 7]^lv 6ÖB XQLtog 6vu,7i6zrig; und die Anmerk. beginnt: xlg riiilv TQivog Öde. llaec vulgata lectio, quam in ordinem verbo- rum recipere dubitavimus etc. p. 215 b. cc^cpigßfjrrjösig , aber die Anmerkung behauptet, Piaton habe cc^(pLcßr]ztJ6ccLg ge- schrieben.
Die Grenzen dieser Recension sind viel zu eng, als das8 wir es unternehmen könnten, alle von Hrn. H. vorgebrachten Conjectureu näher zu besprechen. Um aber nicht i\en Schein zu erregen, ein unbegründetes ürtheil ausijesprochen zu ha- ben, müssen wir wenigstens einige derselben einer Prüfung unterwerfen, und gehn wohl am sichersten, wenn wir zuvör- derst die beleuchten, auf welche Hr. H. selbst in der Vor- rede als auf die Belege seines kritischen Verdienstes aufmerk- sam macht. Wir haben bereits oben angedeutet, dass wir we- nigstens einer derselben den Schein einer Verbesserung nicht absprechen, welche denn auch Hr. H. in den Text aufzuneh- men nicht angestanden hat. p. lliO e. lesen die Codd. alle: £v 6t6[ia Tiotav cLTtkdii zazd ^eö7]v zt)v yaözkoa^ o drj xbv o^cf'CiXov aaXovöL. Dieses wird in der Anmerkung mit einem Maie! abgewiesen, denn, sagt Hr. IL „urgenda est vox oiuqpa- Aog (so steht zweimal in dieser JSote), atque vi quadam pro- nuntianda , quae vis addito articulo iunditus perit,'' und nun
60 Griechische Litteratur.
folgen eine Anzahl Stelleu, wo in derselben Redensart der Artikel vor dem nicht immer gleichheschaffenen Prädications- worte fehlt. Wir leugnen nicht, dass der Artikel in dieser Redensart gewöhnlich fehlt, dass er auch hier fehlen konnte, Ijegreifen aber nicht, wie durch diellinzufügung desselben der Nachdruck geschwächt werden oder gänzlich verloren gehen sollte. Im Gegentheil wird gerade durch den Artikel der Prä- dicatsbegrilf mit einer sehr starken Emphase hervorgehoben, wie diess schon die Grammatiken lehren (Matth. S. 553. 2te Ausg. Bernhardy wiss. Syntax S. 324. Rost S. 447. 4te Ausg.), und wenn auch die dort angeführten Beispiele von etwas ande- rer Art sind, so ist doch hier wenigstens ein ähnlicher Sinn: o öi] sc. TÖ ccTiodsÖBfih^ov öTo^a xov o^tpaXov Tca^ovöl ts aal €paGiv ilvaL. In p. 179 c. i^ Aldov näkiv dvüvai rrjv tpvxrjVf dkXa Z)]v exslvTjg dvsLöav dyaö^tvvsg reo egycp findet der Her- ausgeber einen doppelten Fehler, einmal weil so zwischen dem Falle der vorher Genannten und dem der Alkestis kein ünter- hchied sc^i, denn jene hätten die Götter aus dem Hades entlas- sen ausnahmsweise und um sie auszuzeichnen, diese aus Bewun- derung über ihre That; sodann weil von der Structur dyccö&r^- vai c. dat. sich kein Beispiel bei Piaton fände. Daher soll für dvHvai dvikvai und für dyaö^kvtig dvay'/Mödevzsg gelesen werden. So entstehe der bessere Gedanke: Wenigen gestatte- ten die Götter, um sie zu ehren, dass sie wieder in's Leben zu- rückkehren konnten, aber die Alkestis sendeten sie, gezwun- gen durch ihre herrliche That, an das Licht zurück. Was wird nun aber dadurch gewonnen 1 Wenn es hiesse: sdoöav dvievai t})v tpvx^v, so wäre diess doch nichts anderes, als dvilöc^v, und dieses heisst nicht: sie sendeten sie zurück, son- dern sie Hessen sie zurückkehren, Hessen sie los aus dem Banne der Unterwelt. Mithin ist auch so keine Verschiedenheit, und eine solche soll auch gar nicht in der Sache selbst Statt finden, sondern höchstens in der Art und Weise, in dem Motive, aus welchem die Götter handelten. Den übrigen gestatteten sie die Rückkehr in die Oberwelt als eine Auszeichnung, der Al- kestis auch, aber dieser aus dem ganz besoiidern Grunde uya- ö&evTsg reo egyco. Der Gegensatz in dklcc erklärt sich daraus, dass in den vorhergehenden Worten der Sinn von oUyoig [liv nöiv liegt, und dieselbe Steigerung findet Statt p. 180b. in xi^coöi, und ^ällov ^ivzoi \tavfidt,ov6i Tcal ayavtai. Dass aber diese Stelle das einzige Beispiel des Dativs mit dyaö^rjvai bei Piaton zeigt, ist gewiss kein Grund, die Worte zu ändern, zu- mal da diese Structur, besonders bei dem rein passivischen Aorist, in der Analogie der Sprache vollkommen gegründet und durch Beispiele bei andern Schriftstellern erwiesen ist. (Vgl. Matth. §.399. Bernhardy S. 104). Würde nun aber wohl es Platou eingefallen sein zu sagen, die Götter seien ge-
Flatoniä Convlvhiiu ed. lloinnie]. ({]
zwnnjjcn worden durch die Tliat der Alkestis? Ilr. II. glaubt eine Bestätigung dieses Ausdrucks in den Worten des Schoiia- sten zu finden, welcher sagt, Alkestis sei gerettet worden ßiaöcc^svov (tov ^HQWüXiovq) rovg %^oviovg &eovg. Aber es ist leicht einzusehen, dass dieser Umstand in eine ganz an- dere Darstellung des Mythus gehört, und dass hier als Ur- sache der Entlassung der Alkestis die Bewunderung der Götter über ihre That niclit ein ihnen vom Herakles angetlianer Zwang angegeben, dass überhaupt an den Herakles gar nicht gedacht wird, und folglich auch nicht, wie Hr. II. in dem Excurs zu dieser Stelle behauptet, AIcestidis virtutem cum Herculea \ir- tute comparari, alteramque aiteri substitui. Ausserdem ent- hält jener Excurs die Erklärungen zweier, hier abgebildeten Gemmen ans Winkelmann. Monum. ined. T. 1., deren zweite wenigstens, auf Symp. p. 209 e. bezogen, schwerlich Billigung finden wird. Einen andern Beweis, wie der Herausgeber mit seinem Schriftsteller umgeht, gibt p. 193 a. In der Note zn d. St. begegnet Hrn. H. der seltsame VViderspruch, dass er den bekannten Anachronismus rügt, und doch fluchtig genug die Zeit der Auflösung von Mantinea (Ol. 98, 3.) mit der Zeit der Feier des Agathonischen Gastmahls (Ol. 90, 4.) identificirt, und also selbst den Anachronismus aufhebt. Ob man nun gleich über die Anachronismen in Piatons Schriften längst im Reinen war, und wohl wusste, zu welchem Zwecke er dieselben an- gewandt habe (Vgl. Wolf Einleitung zum Gastmahl p. XV. Ast Piatons Leben und Schriften S. 77 f.); und obgleich die scherz- hafte und sarkastische Wirkung dieser Erwähnung, zumal wenn man sich das Symposion bald nach dem erwähnten Ereignisse geschrieben denkt, offen zu Tage liegt: so hat Herr H. den- noch nicht angestanden, diesen Anachronismus in dem Excurse p. 404 sq. unnütz und alle Wahrscheinlichkeit der Piaton. Er- zählung vom Gastmahl aufhebend zu nennen. Und indem er nun auch kein eigentliches terliura in jener Vergleichung zu fin- den weiss, und allerlei Nebenpuncte anführt, worin die bei- den in der Stelle erwähnten Handlungen verschieden waren; 80 kommt er endlich zu dem Resultate, dass der Text verdor- ben, und xad^aTtSQ 'AgKadsg dito jdaxsdaL^ovicov zu lesen sei. Damit werde nämlich auf die hohen Gebirge zwischen beiden Ländern hingedeutet^ und es sei diess eine sprüch wörtliche Redensart gewesen, ,,quo utebantur, qui naturalem firmitatem alicujus fissurae describebant atque impossibiiitatem (venia sit verbo) restituendae integritatis. " Den Beweis hiervon bleibt natürlich der Herausgeber schuldig, und wir möchten ihn fra- gen, wo nun noch ein Vergleichungspunct zwischen der in dtö- xiöd^rjfisv gemeinten Ausquartirung und der Trennung der bei- den Völker durch natürliche Grenzen, wo noch ein Fünkchen des sarkastischen Witzes des Aristophanes zu finden sei? JNicht
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gliicklicher ist Ilrn.II.'s Aenderung der folgenden Worte: cjöitsg OL SV xalg 6z)j?,aig yMtu ygacpriv l-KiBtvxco^dvoi^ wo er xar« QacpijV lesen will. Unter QCiq)ij versteht er, ohne diese Bedeu- tung nachzuweisen, die scharfe Kante eines Würfels, welche zwei Flächen verbindet. Auf den Grabmonuraenten nämlich (wir würden daran zweifeln, wenn Hr. II. nicht selbst derglei- chen gesehen zu liaben versicherte) seien die Figuren so auf diesen Kanten angebracht gewesen, dass'die Schärfe der Kante die ganze Figur en face vom Scheitel bis zur Sohle gerade in der Mitte durclischnitten Iiabe, wie die beigegebene Zeichnung Tersiniiliclit. Eben so, meint Ilr. II. beiläufig, seien auch die; Wörter am Ende der Verse zerschnitten worden. Warum aber bei so gestalteten Sachen bloss die Nasen zersägt heissen, und niclit vielmehr die ganzen Leute, was doch in unserer Stelle mehr ä propos gewesen wäre, das erklärt uns Hr. II. nicht.
Wir haben nun gesehen , dass diejenigen Conjecturen, auf welche der Herausgeber in der Vorrede als auf Verbesserungen von ihm entdeckter Fehler hinweist, entweder unnöthig, oder geradezu falsch und wahre Verderbnisse sind. Gleiche i GeliaU könnten wir leicht auch in den übrigen darthun. Wir begnü- gen uns indessen, nur noch einige, schwierigere Stellen be- treffende, zu prüfen. Iin28. Cap., welches der Missverständ- nisse und 3Iissgriffe mehrerer erfahren hat, nimmt Hr. H. an den Worten nrjyATc x6 itaQ £Z'l, o^qitBQ ot^ar?;g, ayanav An- gtoss, in dem er, da von sclavischem Wesen die Rede ist, eher ^ovloq erwartet, und nun cG'gjrso 6 iy.ixrig eraendirt, eine Emen- dation, welche durch einen p. 405 sqq. beigefügten Excurs wei- ter erhärtet werden soll. Vergebens haben wir uns dort da- nach umgesehen. Denn weder kann Hr. H. beweisen, was er annimmt, dass i-/,hr^g de amatore amasium perdite a?iiante ge- sagt worden sei, ausser durch eine problematische Stelle Me- leag. Epigr. IV. v. 6. Anthoc. Gr. T. I. p. 4. ed. Jacobs, wei- ches Epigramm er beiläufig besser als Jacobs zu emendiren und zu erklären unternimmt, oder dass überhaupt L/Cetrjg schleclit- liin den Liebhaber bezeichnen könne, auch da, wo nicht auf eine bestimmte einzelne Art seines Benehmens, das [■aszuag TtOLBiö^üL^ hingedeutet werde, noch hat er den unpassenden Artikel erklärt, noch hat er endlich daran gedaclit, dass, da in der ganzen Stelle schon vom Liebhaber der Schönheit die Rede ist, derselbe schicklicher Weise nicht wieder mit einem Liebhaber, wenn auch anderer Art, verglichen werden konnte. Der ganze von Hrn. II. genommene Anstoss hebt sich, wena man bedenkt, dass in den Worten cagJtf^ ohitr^g nicht die Vor- stellung niedrigen Sclavensinnes ist, zu welcher der Gedanke erst bei den Worten öovUvcov (pavXog y übergeht, sondern dass die Vergleichung auf dem Begriffe treuer Ergebenheit und Anhänglichkeit an Einen Herrn beruht, für welchen jenes Bild
Platonis Conviviiim eil. Hoinmel. 63
ßertule «m bezeiclinendsten ist. Gleicli darauf hat Tlr. II. die Worte xal Ötavo^aata vor t/'xt?/ gestellt, so dass Xöyovg Kai diavorjuata von decjgcov abliärige, ti'xtj; aber ohne Siibject zu verstehen sei, eine Ausdrucksweise , welche Ilr. II. überhaupt sehr oft Statt finden lässt. Aber offenbar sind nicht /loyot xal öcavorjuarci das, was der Liebhaber des Schönen anschauen soll, sondern es ist das unerraessliche Feld der Schönheit selbst TO nkXayoq tov kccXov^ jene aber sind zunächst die Mittel, durch welche er endlicli dasjeniije erzcu£;t, was zu erzeugen der in- nere Keichthuni seines Wesens ihn treibt, t6 xa/lov, wie es p. 20f) b. sqq. gezeigt war. p. 212 e. schreibt Hr. 11. im Text: Iva dno zfjg SfJLrjg mcpakilg rijv xov öoqxjatdtov ■Kai xaXliöTov Tnq^ahjv — adv sYjtcj — ovtcoöl dvadrjöcj- Man sieht niciit, warum er ovtCJöi von edv utcco trennte, wodurch dieses nur noch undeutlicher wird. Aber aus der Note erfährt man, dass Hr. H. £«1» dnov dem Piaton wiedergeben und nun ourojöt zu dvad/j603 gezogen haben will. Nämlich bei den Worten ou- rcööt dvadr'jöQ)^ sagt Hr. H., iiabe der trunkene Aikibiades die Gesten vorgemacht, mit welchen er die Binden dem Agathon um das Haupt legen wollte, und um diess thun zu können, der Flötenspielerei und den Sclavejj, die ihn bis dahin führten, mit den Worten käv slnov naclimals (vorher haben wir nichts da- von gelesen, aber der Aorist muss doch erklärt werden) ihn loszulassen befohlen, und da diese nun gehorcht hätten, sei er entweder zu Ijoden gefallen, oder mit seitsamen Capriolen hin und her getaumelt, worüber denn natürlich die ganze Ge- sellschaft gelacht habe. Das heisst emendiren und erklären! p. 216 d. findet sich Hr. II. durch die bisheri^^cn Erklärungen abermals nicht befriedigt und ändert: y.al av dyvosi Tcdvtu xal ovo 8 oiösv^ cjg TO öxijl^ci avTOv y welches heissen soll: ac ne seit quidem, qui ipsi sit habitus externus h. e. ne curat quidem corporis cultum et vestitum. olov ro öxfjucc avzov raüsste e« dann wenigstens heissen, aber die Erwähnung der Vernach- lässigung des Aeussern beiai Sokrates ist dem Zusammenhange ganz fremd. Freilich wird man jene Unwissenheit des Sokra- tes wohl nicht von der Unwissenheit zu verstehen haben, deren Schein er gewöhnlich annimmt, wenn von wissenschaftlichen Dingen die Rede ist, sondern nach unserra Zusammenhange da- von, dass er, ajgneQ 6 syXv^iihog UBikr^vog^ bei seinem eifri- gen Bemühn und seiner Ekstase um die schönen Jünglinge, sich nicht anmerken lässt onoOrjg ys^si, bvöov aacpQOövvrjg. p. 221 e. in der Stelle: toiavra Kai 6v6{iaTa kocI Qr^iaza l^cohiv Tcsgiafi- nsxovtaL ZarvQov äv tiva vßgLötov öogdv missfallen Hrn. H. die Worte dv tiva , so wie die von den Auslegern gegebenen Erklärungen. Er ändert daher ^arvgov avtiKU vßgLötov öo- gdv, weil er bemerkt hat, dass durlxa oft bei Anführung von Beispielen gebraucht werde, und übersetzt: „Solche Worte
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lind Sätze hängen answendlg darum herom, eben ein walirea Satyrfell.'' Aber dieses cbeji passt zwar allenfalls für den Zu- gamraenliang, gibt aber keinesweges die Bedeutung des Wor- tes avtixa^ welches Bei-spiele einführt, die als die ersten be- sten gleicli bei der Hand sind, und das daher hier völlig un- passend ist, wo die Verglcichung des Sokrates mit einem Satyr schon vorhergegangen war, ja die ganze Darstellung sich um diese Vergleicluing dreht. Obgleich nun av in mehreren guten Codd. fehlt, was Ilr. 11. nicht einmal anführt, so halten wir die Partikel dennoch für unverwerflich, und sehen darin die Vermuthung angedeutet, dass jene vom Sokrates gewöhnlich aus dem niedrigsten Leben entlehnten Beispiele wohl einen sa- tyrischen Zweck haben möchten, wie es auch das Beiwort i;/3pt- Otov zu erkennen gibt, und diejenigen Stellen, wo sich Sokr. solcher Beispiele bedient, bestätigen, p. 222 a. vertheidigt der Herausg. dagegen die Partikel av in diOLyofiEvovg öe Idcou ccv tig — evQijOBi gegen Bekkers «i), indem er sagt, idcjv äv sei g. V. a. £l XdoL av, welches fälschlich für ungriechisch gehalten werde, und verspricht zu anderer Zeit zu zeigen, dass diese Verbindung Statt finde ,,ubi fieri aliqnid ponitur, quod vix fieri possit, et quod si fiat, ex insperato accidisse putandum sit." Auch wir halten ßV für unverfälscht, glauben aber, dass es ganz anders erklärt werden müsse. Denn vorausgesetzt, woran wir jedoch sehr zweifeln, dass Hr. H. uns jenen Sprach- gebrauch wird nachweisen können, wie passt doch jener Sinn hierher, wo es doch weder slU eine unmögliche, noch als eine ganz unerwartete Sache dargestellt werden kann, dass Jemand in das Innere der Reden des Sokr. eindringe*? Doch dieses in Ivzog avtcüv yiyvöixsvog deutlich bezeichnete Eindringen ist dem Herausgeber unverständlich gewesen, und weil Niemand in die Silenengehäuse habe hineing^eÄe« können, so will er fy- yvg avzäv yLyvofievog lesen. Er stellt sich nämlich dieselben als eine Art Guckkasten vor, und weiss (s. p. 338.), dass sie auf den beiden entgegengesetzten Seiten OefFnungen hatten, die mit einem Schieber geschlossen werden konnten, und durch deren eine das Auge sah, während durch die andere das nö- thige Licht einfiel. Natürlich kam nun der Beschauer nicht hinein, so wenig als in einen Guckkasten, sondern er trat nur davor, daher muas es ayyvg avtdSv yiyvo^svog heissen! Doch genug hiervon. Denn durch das Vorstehende meinen wir schon ausreichenden Beweis gegeben zu haben, dass unser Urtheil über des Herausgebers kritische Leistungen kein unbilliges war, und dass diess lose Spiel des Conjecturirens nichts darbieten kann, wovon in Zukunft ernstlich Notiz zu nehmen wäre. Daa Gute haben wenigstens diese Conjecturen, dass sie grössten- theils den Stempel der Hohlheit und Nichtigkeit so deutlich an
Flatoniä CoavJvium ed. Ilommel« 05
der Stirn tragen, dass aoch der ungeübte Leser schwerlich durcli sie geblendet werden wird.
Was nun die exegetische Seite des Gommentars betrifft, £0 lassen wir dem Bemühen des Verf.s, alles zu erklären und deutlich zu machen, was in Hinsicht der Bedeutung und Stru- ctur der Wörter, des Inhalts und der Beziehung der Gedanken, der Anlage und Durchführung des Dialogs einer Erklärung oder Hinweisung zu bedürfen schien, gern Gerechtigkeit widerfah- ren, und verschweigen es nicht, in dieser Hinsiclit mancher guten, wenn auch nicht immer neuen oder sehr wichtigen Be- merkung begegnet zu sein. Indessen finden sich doch auch hier bedeutende Mängel theils in der Form, theils im Inhalte, welche wohl ebenfalls grösstentheils der übergrossen Schnellig- keit zuzuschreiben sind, in welcher dieser Commentar entstan- den, und dem Drucke übergeben zu sein scheint. Dahin rech- nen wir zuerst die grosse Weitschweifigkeit. Statt den Zusam- menhang schwieriger Stellen und den Standpunct der 3Ieinun- gen in gedrängter üebersicht anzugeben _, durch eine genaue und präcise Uebersetzung derselben die Schwierigkeiten zu he- ben, oder wo dieses nöthig, die Bedeutung und die Gonstru- ction der Wörter aus dem Sprachgebrauche so zu erklären, dass dadurch etwas Sicheres und Umfassendes festgestellt, oder das schon Bekannte mit Hinweisung auf die besten Quel- len für eine einzelne Stelle geltend gemacht werde, gibt der Verf. nicht selten zuerst die Anmerkungen der neuesten Her- ausgeber, besonders Stallbaums und Rückerts, deren Ausga- ben er vorzüglich benutzt zu haben scheint, wörtlich, mustert dann die verschiedenen Uebersetzungen von Ficin, Schuithess und Schleierroacher, und fügt endlich selbst, vielleicht gar eine doppelte lateinische und deutsche Uebersetzung hinzu. Die citirten Stellen, selbst aus den gewöhnlichsten Büchern, und in ganz unbedeutenden Dingen, sind immer wörtlich ab- gedruckt, ja selbst aus den Grammatiken, z. B. Matthiä's, fin^ den sich hin und wieder ganze Stellen abgeschrieben. Audi fehlt es nicht an Abschweifungen, die mit dem Texte oder mit dem Inhalte der Anmerkungen in gar keinem oder sehr lo- sen Zusammenhange stehen, und bloss herbeigezogen sind. Die- selben Bemerkungen sind oft an mehr als einer Stelle wieder- holt, und zwar so, dass nicht von einer Stelle auf die andere bloss verwiesen, sondern dass wieder dasselbe gesagt, oder das Frühere erweitert, näher bestimmt oder berichtigt wird. Dem Inhalte nach sind die Worterklärungen häufig dürftig und einseitig, selten durchgreifend und zuverlässig und von der Art, dass sie in der Abstammung, Form und Analogie der Wörter ihre gehörige Begründung fänden. Desto häufiger sucht der Verf. den Mangel der Gründlichkeit durch Einbildung und Künstliclikeit zu ersetzen, welche sich in seltsamen Herleitun-
N. Jahrb. f. Fliil. u. Päd. od. Krit. Bibl. Bd. XIV Hft. 5. g
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Griechische Litteratur.
lind Sätze hängen auswendig darum herum, ehen ein wahres» Satyrfell.'' Aber dieses eben passt zwar allenfalls für den Zu- sammenhang, gibt aber keinesweges die Bedeutung des Wor- tes avtiKtty welches Beispiele einfi'ihrt, die als die ersten be- sten gleich bei der Hand sind, und das daher hier völlig un- passend ist, wo die Vergleichung des Sokrates mit einem Satyr schon vorhergegangen war, ja die ganze Darstellung sich um diese Vergleichung dreht. Obgleich nun ccv in mehreren guten Codd. fehlt, was Ilr. 11. nicht einmal anführt, so halten wir die Partikel dennoch für unverwerflich, und sehen darin die Vermuthung angedeutet, dass jene vom Sokrates gewöhnlich aus dem niedrig.«sten Leben entlehnten Beispiele wohl einen sa- tyrischen Zweck haben möchten, wie es auch das Beiwort i;/3pt- ötov zu erkennen gibt, und diejenigen Stellen, wo sich Sokr. solcher Beispiele bedient, bestätigen, p. 222 a. vertheidigt der Herausg. dagegen die Partikel ccv in ÖLOLyo^evovg öe Idai/ äv tiQ — BVQYiCEi gegen Bekkers «i), indem er sagt, idav av sei g. V. a. £t XÖoi av, welches fälschlich für ungriechisch gehalten werde, und verspricht zu anderer Zeit zu zeigen, dass diese Verbindung Statt finde ,,ubi fieri aliquid ponitur, quod vix iieri possit, et quod si fiat, ex insperato accidisse putandum sit." Auch wir halten av für unverfälscht, glauben aber, dass es ganz anders erklärt werden müsse. Denn vorausgesetzt, woran wir jedoch sehr zweifeln, dass Hr. H. uns jenen Sprach- gebrauch wird nachweisen können, wie passt doch jener Sinn hierher, wo es doch weder als eine unmögliche, noch als eine ganz unerwartete Sache dargestellt werden kann , dass Jemand in das Innere der Reden des Sokr. eindringe*? Doch dieses in evzds avtcjv yiyvö^BVog deutlich bezeichnete Eindringen ist dem Fferausgeber unverständlich gewesen, und weil Niemand in die Silenengehäuse habe hineing^eÄe« können, so will er iy- yvg avtcjv yiyvo^svog lesen. Er stellt sich nämlich dieselben als eine Art Guckkasten vor, und weiss (s. p. 338.), dass sie auf den beiden entgegengesetzten Seiten Oeffnungen hatten, die mit einem Schieber geschlossen werden konnten, und durch deren eine das Auge sah, während durch die andere das nö- thige Licht einfiel. Natürlich kam nun der Beschauer nicht hinein, so wenig als in einen Guckkasten, sondern er trat nur davor, daher muss es eyyvg avtcov yiyvo^svog heissen! Doch genug hiervon. Denn durch das Vorstehende meinen wir schon ausreichenden Beweis gegeben zu haben, dass unser Urtheil über des Herausgebers kritische Leistungen kein unbilliges war, und dass diess lose Spiel des Conjecturirens nichts darbieten kann, wovon in Zukunft ernstlich Notiz zu nehmen wäre. Das Gute haben wenigstens diese Conjecturen, dass sie grössten- theils den Stempel der Hohlheit und Nichtigkeit so deutlich an
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der Stirn tragen , dass aoch der ange'ubte Leser schwerlich durcli sie geblendet werden wird.
Was nun die exegetische Seite des Gommentars betrifft, so lassen wir dem Bemühen des Verf.s, alles zu erklären und deutlich zu machen, was in Hinsicht der Bedeutung und Stru- ctur der Wörter, des Inhalts und der Beziehung der Gedanken, der Anlage und Durchführung des Dialogs einer Erklärung oder Hinweisung zu bedürfen schien, gern Gerechtigkeit widerfah- ren, und verschweigen es nicht, in dieser Plinsicht mancher guten, wenn auch nicht immer neuen oder sehr wichtigen Be- merkung begegnet zu sein. Indessen finden sich doch auch hier bedeutende Mängel theils in der Form, theils im Inhalte, welche wohl ebenfalls grösstentheils der übergrossen Schnellig- keit zuzuschreiben sind, in welcher dieser Commentar entstan- den, und dem Drucke übergeben zu sein scheint. Dahin rech- nen wir zuerst die grosse Weitschweifigkeit. Statt den Ziisam- menhang schwieriger Stellen und den Standpunct der Meinun- gen in gedrängter Uebersicht anzugeben^ durch eine genaue und präcise Uebersetzung derselben die Schwierigkeiten zu he- ben, oder wo dieses nöthig, die Bedeutung und die Constru- ction der Wörter aus dem Sprachgebrauche so zu erklären, dass dadurch etwas Sicheres und Umfassendes festgestellt, oder das schon Bekannte mit Hinweisung auf die besten Quel- len für eine einzelne Stelle geltend gemacht werde, gibt der Verf. nicht selten zuerst die Anmerkungen der neuesten Her- ausgeber, besonders Stallbaums und llückerts, deren Ausga- ben er vorzüglich benutzt zu haben scheint, wörtlich, mustert dann die verschiedenen Uebersetzungen von Ficin, Schulthess und Schleiermacher, und fügt endlich selbst, vielleicht gar eine doppelte lateinische und deutsche Uebersetzung hinzu. Die citirten Stellen, selbst aus den gewöhnlichsten Büchern, und in ganz unbedeutenden Dingen, sind immer wörtlich ab- gedruckt, ja selbst aus den Grammatiken, z. B. Matthiä's, fin^ ^cn sich hin und wieder ganze Stellen abgeschrieben. Auch fehlt es nicht an Abschweifungen, die mit dem Texte oder mit dem Inhalte der Anmerkungen in gar keinem oder sehr lo* sen Zusammenhange stehen, und bloss herbeigezogen sind. Die- selben Bemerkungen sind oft an mehr als einer Stelle wieder- holt, und zwar so, dass nicht von einer Stelle auf die andere bloss verwiesen, sondern dass wieder dasselbe gesagt, oder das Frühere erweitert, näher bestimmt oder berichtigt wird. Dem Inhalte nach sind die Worterklärungen häufig dürftig und einseitig, selten durchgreifend und zuverlässig und von der Art, dass sie in der Abstammung, Form und Analogie der Wörter ihre gehörige Begründung fänden. Desto häufiger sucht der Verf. den Mangel der Gründlichkeit durch Einbildung und Künstlichkeit zu ersetzen, welche sich in seitsamen Herleitun-
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gen gefällt, und in die Worte liineinlegt, was ihr beikÖmmt und gerade an einer Stelle zu passen scheint. So wird z. B. p. 92 die Bedeutung des Wortes sUlxqlvcos vom Salzkochen hergeleitet; p. 50 vermuthungsweise ein Unterschied zwischen snidi^LCi und snl öe^icc angenommen, so dass jenes stehe, wo erzählt werde, in welcher Ordnung etwas geschehen sei, die- ses wo angezeigt werde, in welcher Ordnung etwas gescliehen solle; p. 351 gesagt, dass sgcotixag ÖLa'Astö^at (es steht zwei- mal ÖLocKSLC^ai) opprime (ein Lieblingswort des Verf.s) dem Lateinischen perdite amare entspreche; p. 374 xqotbIv tivog und agarelv xiva, welches letztere eine seltene Structur heisst, so unterschieden, dass jenes im prägnanten Sinne bedeute i'i- ctorem esse alicujus^ dieses vincere aliquem; p. 381 dvaxcJ- Qtlv so erklärt, dass es eigentlich heisse: an eine höhere Stelle sich begeben, besonders von Fischern, welche vor dem das Ufer iibersteigenden Wasser sich auf Anhöhen zurückgezogen^ dann aber auf Kriegsleute übertragen worden sei ,,quie pere- grina terra, tanquam undas mare, hostes evomente quasi in altiorem atque tutiorem locum in patriam terrara fugientes se conferunt,'''' u. dgl. ra. In noch höherem Grade aber als bei den Worterklärungen ist dies bei den übrigen der Fall, wo der Verf. oft in die seltsamsten, rein aus der Luft gegrilfenen Behauptungen u. Vermuthungen sich einlässt. So soll p 173 a. Tiaiöcöv ÖVTC3V 7]^d5v etL nicht das Knabenalter des i^poUodor, sondern als kindische Menschen diejenigen bezeichnen, die in der Sokratischen Lehre nicht eingeweiht wären. Üeberhaupt ist Hr. H. ein Freund von Zweideutigkeiten und Wortspielen, denn S. 107 bemerkt er, dass Apol. S. p. 18 b. die Worte 7tä?Mi Ttolkcl tjöi] eti] ohngefähr wie naiTtaXi] klingen, und dadurch das hämische Gezischel der Ankläger lepidissime beschrieben werde, und zu Symp. p. 215 c. , dass il^iXolg Xoyoiq wie öilkollg klinge und damit auf die Ironie des Sokr. hingedeutet werde. p. 151 wird Eros mit dem lanus der Lateiner identificirt, des- sen IVame mit lü6%ui und lalvo in Verbindung gebracht wird, und dieses auf die Bemerkung gegründet: „Romani bellorum quam amoris intentiores rixis, concordiae amantium pacera pa- cisque conditiones videntur substituisse." S. 1G2 wird der Ver- gleichungspunct in den Worten (p. 190 e.) coOtibq ol tu coä xcccg &qlHv in das Feine und Künstliche gesetzt und übrigens ver- muthet, dass das Zerschneiden der Eier mit Haaren eine Art gesellschaftliches Spiel gewesen sei, und dass man daraus die Zukunft prophezeit habe. S. 176 zu p. 192 d., wo es doch aus den [folgenden Verben öwrij^ai y.ca övucpv6c<t klar genug ist, was das für ogyava sind , die Hephästos zur beabsichtigten Operation mitbringt, meint Hr. H. , diess seien vincnla et corn- pages^ durch welche die Menschen zusammengeklammert wie- der in einander verwachsen sollten, gerade wie zwei Aepfel,
Platonlä Convivium cd. Hommei. 67
Birnen, Pflaumen durch einen Faden verbunden ia einander verwüchsen.
Dergleichen könnten wir noch Mancherlei anführen. Wäh- rend uns aber der Verf. mit solchen Dingen beschenkt, zeigt er sich dagegen in Fällen, wo eine gründliche Erörterung von Gegenständen der Geschichte, des 31ythus, der Litteratur, der Sitten u. s. w. am Orte war, auffallend karg, indem er ent- weder, ohne sich auf eigene Untersuchungen einzulassen, die Bemerkungen Stallbaums wiederholt, oder ein simples Citat, meist aus Wachsrauths Hellen. Älterthumskunde, oder wieder oberflächliche oder ungegründete Meinungen hinstellt, oder auch über die Sache gänzlich schweigt. Um auch diess nicht ohne Beweis auszusprechen, obgleich schon die oben erwähn- ten Guckkasten-Silenen hierher gehören, verweisen wir eben- falls auf Einiges dieser Art. In der Rede des Phädros p. lld e., wo von dem Schicksale des Achilleus die Rede ist, sagt der Verf., es stimme die dortige Angabe mit Homer überein, oder sie sei vielmehr aus 11. XVHI, 94 entnommen, wie auch schon Wolf, Revnders und Stallbaum diese Stelle angeführt hatten. Eine genauere Ansicht aber würde die Verschiedenheil des Mythus bei Piaton von der Darstellung Homers bald gezeigt haben, Denn bei Homer sagt Thetis nur, dass Achiileus bald nach dem Hektor sterben werde, und 11. IX, 414 sqq. Achiileus selbst, dass er ein hohes Alter erreichen werde, wenn er, ohne länger am Kriege Theil zu nehmen, nach Hause zurückkehre (cf. Heyne Observ. T. VII. p. 426 sq.). Hier aber in der Rede des Phädros wird der Tod des Achiileus an den Tod des Hektor als Bedingung geknüpft und gesagt, dass Achiileus uaikommen würde, wenn er den Hektor tödete, trenn er die^es aber nicht thäte, im liohen Alter in der Heimath sterben würde, worauf nun eben, da Achiileus freiwillig das erstere wählte, der Aus- spruch von der hohen Liebe und Tugend und der Belohnung desselben durch die Götter gegründet wird (cf. Apol. S. p. 28 c.), woraus sicli ergibt, dass diess eine Auslegung und Umdeutung der Homerischen Darstellung war, wie sie bei den Philosophen und Rhetoren öfter angetroffen werden. Noch deutlicher hat diess, wie es scheint nach der Platonischen Stelle, oder aus einer gemeinsamen Quelle, Aeschin. c. Tim. c. 59. ed. Bremi ausgeführt. Ueberhaupt hätte die Verschiedenheit des Ver- hältnisses zwischen Achiileus und Patroklos bei Homer und das- jenige, welches die Spätem, Pindar, die Tragiker, dieKomi- ker, die Rhetoren annehmen, näher erörtert werden sollen, weil darin sich gerade ein Hauptzug des rhetorischen Cha- rakters des Phädros zeigt. Veranlassung dazu konnten die Worte geben: AlGyvloq ös cpXvaQH^ bei denen aber der Verf. weder sagt, in welchem Stücke dieses Aeschylos gethan habe, noch sonst etwas über die Entstehung und Darstellung der spä-
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68 GricchischeLittcratur.
fern Sage ron der Liebschaft des Achill zum Patrolclos and zn Andern etwas äussert. Aus 31issverständniss hat Hr. H. p. 18 am Schlüsse der Rede des Pbädros die Worte: xal xvptOTaroi' ilvac £lg dgstTJg xal BvdaLfioviag xttjölv dv^Qcöjroig etc. geta- delt, weil derselbe vorher gesagt habe, dass die Tugend derer liöher zu schätzen sei^ qui nullo Erotis auxilio adjuti fortes se piaebuerint. Aber das hat Phädros nicht gesagt, sondern nur, dass die Götter die Aufopferung des Geliebten für den Lieben- den höher belohnen, als die des Liebenden für den Geliebten, obgleich sie immer die durch den Eros erweckte Tugend auch in dem Liebenden vorzüglich ehren: ^dkiöTcc ^Iv ravzrjv xrjv dgizTJv OL O'fofc tLiiäöL zi^v negi tov "Eqcjtcc. Darum heisst mit Recht Eros xvgicozatog dg dgBzijg aal ivöaiiiovlag xzijöLV dv- d'QcoTiOLg. S. 135 zu p. 187 a. wird der Grund der bekannten Dunkelheit des Heraklit nicht In die Gedanken und Ausdrücke desselben, sondern in den Mangel der Interpunction gesetzt, und die Stelle z6 £v ydg — Xvgag so erklärt : ,, Das Eins (Hr. H. will nicht das Universum verstanden haben) ist in sich selbst entgegengesetzt Eins, wie die Einheit des Bogens und der Lyra, d. h. das Eins ist nicht absolut Eins, sondern momentan zusam- mengesetzt aus Gegensätzen, wie die Eine Kraft des Bogens (Schuss) momentane Verschmelzung ist zweier Gegensätze, oder der Eine Klang (Accord) der Lyra momentane Verschmel- zung mehrerer Dissonanzen.'' Hätte doch der Verf. wenig- stens die von Stallbaum zu d. St. citirten Schriften nachge- sehen! Zu p. 189 c. , wo von der Verehrung des Eros gespro- chen wird, gibt der Verf. S. 152 wieder nur eine kurze An- merkung Wolfs, obgleich es der Mühe werth war zu unter- suclien, ob wirklich Aristophanes sage, dass die Menschen dem Eros keine Tempel und Altäre und Opfer eingerichtet hätten, was mit deutlichen Zeugnissen anderer Schriftsteller, z. B. des Pausanias, streitet (cf. Valcn. Diatr. in Eur. fragm. c. XV. Fr. Jacobs Verm. Sehr. 3. Th. S. 538.), oder ob er die Wahrheit seines Ausspruches blos auf die Superlative fisycöza tsgd^ &v- clag (nylöTag gründe. — Ueber das bei den Alten übliche Waschen der Füsse, bevor man sich zu Tische legte, weiss Hr. H.. S. 325 neue Dinge. Er weiss nämlich, dass, wenn nur zwei Gäste bei Tische gelegen (soll heissen auf Einem Polster), das Abnehmen der Sohlen und das Waschen der Füsse weniger DÖthig gewesen sei, weil da keiner den andern mit den Füssen habe zu berühren brauchen, bei dreien aber sei diess nothwen- dig gewesen, weil der dritte nach einem der beiden andern zu seine Beine habe strecken müssen, und dieser ausserdem verunreinigt worden wäre!
Dass es bei so bewandten Dingen auch nicht an andern Missgriffen, und was freilich das Schlimmste ist, an gänzli- chem Missverstehen d^s Textes fehlen werde, würde man uns
riatonis Coavivium ed. lloinnicl. 09
ini!i wohl auch ohne weitere Belege glauben. Wir wollen Hrn. H. nur auf ein Beispiel dieser Art aufmerksam machen. Zu Anfange des XV. Cap. schreibt Hr. H. : ovtb ydg oncog (x7to~ TCTslvaiEv Eiyov xal agjtSQ, rovg yiyavzag xsQavvcoOai'Tsg, ro yivog eicpccviöaisv — unter yiyavrecg nicht die Giganten, son- dern jene Doppelraenschen verstehend, die Arwlophanes ver- lier geschildert hatte, und übersetzt: „Sie wussten überhaupt weder einen Itath ^ dass sie sie tödeten, und besonders wie sie nach Erlegung der Rtesen durch den Blitz, das ganze Geschlecht verdürben!'' Wie viel« Missgriffe enthält diese ganze ver- fehlte Erklärung einer so leichten Stelle ^ Denn 1) von diesen ^.überhaupt — und besonders'* steht nichts itn Texte; 2) oTTog ecTioxTSivaisv heisst: wie sie sie tödeten; li) cogntQ muss eine Vergleichung bezeichnen und nicht, wie Hr. H. sagt, a^endi Totioneni, denn das wäre OTtag; 4) unter rovg yiyavTag kann man nichts anderes als die Giganten verstehen, sonst würde wenigstens rovij yiyavrag roT^ro??^ gesagt sein; und 5) war diese Benennung überhaupt übcrÜüssig oder sie musste gleich »ach ccTtoxtslvaLSV stehen.
Damit es aber nicht den Anschein habe, als hätten wir unsere Ausstellungen nur auf einige herausgegriffene Stellen gegründet, so wollen wir nun noch gleich die Anmerkungen 2ura ersten Capitel der Reihe nach durchgehen, wobei wir das- jenige weglassen, was schon oben daraus vorgekommen i?<t. Gleich in der ersten Zeile hat Hr. H. mit R^cht das Wörtchen vvv nach nvv^ccveö^s weggelassen, aber es bedurfte nicht so vieler Worte, um die schon von Bekker geschehene Wegwei- sung zu rechtfertigen, und es war genug, auf das Unnütze des- eeiben für den Sinn und auf die Zeugnisse der Codd. hinzu- weisen. Denn hätte Schleiermacher diese schon gekannt, so würde er das Wort gewiss iiicht übersetzt haben. Weiterhin schreibt Hr. H. : o OahjQSvg^ tcp}] ^ ourog, dnoXkoöcogog ^ ov nsQL^evelg ; indem er das zweite Wort der Anrede als Appella- tivum nimmt, und den Scherz darin findet, dass dadurch die übertriebene Sucht des Apoilodor, den Sokrates nachzuahmen,, verspottet werde. 6 ((7io?,k6dc3Qog nämlich spiele darauf an, dass Sokr. nach Apol. p. 30 e. sich selbst dem Staate von Gott geschenkt genannt habe, (pahiQevg aber deule auf den stolzen hochtrabenden Gang, rd ßgevd^veö&aL des Sokr., denn in die- sem Worte töne das Wort cpalrjQigy welclies ohngefähr das- selbe, was ßgäv^^og, einen hochbeinigen Strandvogel, bedeute. Obgleich wir nun selbst über den in den Worten enthaUenen Scherz, der uns jedenfalls in etwas mehr, als in der blossen Feierlichkeit der Anrede zu bestehen scheint, noch nicht im Keinen sind, so will u«s doch auch die hier gegebene Erklä- rung nicht befriedigeu. Denn 1) wäre cc71oaXÖöo->qoq appellativ, wofür man alieufalls auch iu den folgenden Worten xal ^i]v
"HQ Griechische Litterat ar.
y.cd evayxog 68 Itrjtovv eine Stütze finden konnte, so wäre es auffallend, dass gieii;]i darauf die Anrede mit dem eigentlichen Naraen VijroA/.oöw^s folgte; wollte man aber auch da die Ap- peliativbedeutung annehmen, so würde der Spass durch die Wiederholung frostig; 2) die Annahme, dass (pciAr]Qig = ßgev- i&og sei, ist unbegründet, und sollte man durch (pciXr]QBvg an cpcihjQig^ und dadurch an den hoclitrabenden Gang des Apollo- dor erinnert werden, so niüsste entweder in dem Namen (pahr]- Qig schon eine Andeutung desselben iiegien, was doch nicht der Fall ist (vgl. Duttmann Lexil. II. S. 248.), oder durch das bei- gesetzte Verbum diese gegeben sein. 3) Sieht man überhaupt uiclit ein, wie Glaukon dazu komme, den Apollodor mit seiner Nachälferei des Sokr. , wenn diese auch wirklich Statt gefun- den hätte und so weit gegangen wäre, als Flr. H. voraussetzt, aufzuziehen, da im Folgenden nicht weiter davon die Rede ist, und Glaukon den Sokr. nur szalgog des Apollodor uennt; und 4) wird das Ganze desshalb höchst unwahrscheinlich, weil Pia- ton, der sonst alles so gut motivirt, am Eingange des Gesprächs nicht etwas würde hingestellt haben, das, so lange Apollodor noch nicht charakterisirt war, selbst für Athener völlig un- verständlich hätte sein müssen. Dürften wir bei gänzlichem Mangel an Beweisen eine Verrauthung wagen, so möchten wir in g)cc?.ijQavg einen Spitznamen vermuthen , mit welchem die Städter von Athen die Einwohner von Phaleron belegten, und welcher zu einer Zeit entstehen konnte, wo dieser Hafen seine Wichtigkeit verloren hatte, und ihm keine Auszeichnung ge- hlieben war, als Sumpf (Xen. Oecon. c. 11) ) und Kohl und Sar- dellen {ucpvai (paX)]QL'aaL Aristoph. Ach. 901. Av. 76. Athen. III. 108 b. al.). Nun halten wir auch den Grund, warum der N^arae Qak7]QBvg mit dem Artikel voransteht. Denn das scheint uns gewiss, dass in diesem Namen, nicht in ^AnoXlodcogog^ der Sclierz enthalten sei. — Dass Ilr. H. die alte Schreibart mrspifts- rftg beibehalten hat, müssen wir gut heissen, obwohl wir nicht zugeben können, dass das Präsens sich vom Futur bloss durch die Aussprache unterscheide. Das letzte Tempus ist nicht nur bei weitem gewöhnlicher, sondern es steht allemal, wenn mit Unwillen, Ungeduld u. dgl. zu einer Handlung aufgefordert wird, die noch gar nicht oder deren Gegentheil geschieht. — In den Worten y.cä arjv Kai evayxog 6s at,iJT0vv will Hr. II. das zweite xßl nicht auf ein anderes im Gedanken liegendes Tcal {xal vvv 6b ^^]t(o oder xctl vvv %aiQCö 6oi lvTvy%üvc)v) bezogen haben, sondern es soll cum gravitate quadam dici, quae cum affirmatione conjnncta sit, und doch übersetzt er am Ende der Note: „in Wahrlieit, auch neulich schon suchte ich dich;""*" das erstere y.ul nennt er hier und überall, wo es zu Anfange eines Satzes mit ^iv^ i"^'^? ^^/i ovv , rot, yaQ verbunden steht, expletivum , und betrachtet es als ein blosses Fulcrum der fol-
IMalunid Convivium ed. Ilorunicl. 71
geiideii Partikel, eine Lehre, die sehr oft in dem Buche wie- derholt wird. Aber wenn damit gesagt sein soll, dass dieses y.cil all sicii gar keine Bedeutung habe, sondern nur der fol- genden Partikel zur Unterlage diene, weil diese nkht den Satz anfangen kann: so ist dieses sicherlich falsch. Vielmehr setzt Tcal allemal eine Gedankenreihe fort, wenn auch die vorange- gangenen Glieder nicht allemal vorher ausgesprochen sind (wie z. B. c. XXI. pt.), welches sich auch daraus ergibt, dass die Partikeln, mit denen sich xaC verbindet, sich eben auch ihrer INatur nach auf etwas im Gedanken vorhergegangenes beziehen. An unserer Stelle wird also die Versicherung nal ivayxos <?£ lt,r}tovv durch Kai fiijv mit dem vorhergehenden Zuruf ov Tts- QL^sviig; verbunden, und der innere Zusammenhang hezciclu iiet, der zwischen beiden Handlungen Statt findet. Was Här- tung II p. 316 ff. über Tcai sagt, trifft weniger das Wesen die- ser Partikel als der darauf folgenden und den Zusammenhang. Die Worte ÖLKccLOTcctog ydg ei Vibersetzt Herr IL, die Lfebcr- setzungen von Ficin und Stallbaum missbilligend: „convenit enira tibi imprimis, qui — referas,^ ohne in die Erklärung von ölxaios tiefer einzugehen. Statt ^ ö' og verrauthet er nach einer Anmerkung des Schol. zum Phaedon. -^öog, ohne jedoch den Gebrauch dieses Wortes nachzuweisen, oder die dunkeln Worte des Schol. zu enträthseln. Bei 7tavzäna<Siv solke 6oi 0VÖ8V 6iriyil6%ai öacplg 6 ötTjyovfLSVog deutet Hr. H. gut den Spott an, der in der Wiederholung des Wortes diTjysLöQ^at liegt, wodurch die Wirklichkeit der Handlung im gegenwärtigen Falle negirt wird; es hätte aber auch die Bedeutung dieses Wortes noch näher erklärt werden sollen, so wie die des Tempus. Denn damit ist wenig gesagt, dass dLrjyslö&ai Imperfect sei, und eine dauernde Handlung bezeichne. Darauf kömmt es an, dass diese Handlung eine unvollendete Handlung ist, in so fern der Zweck derselben, die genaue Belehrung des Zuhörers über eine Sache unerreicht geblieben. Eben so bezeichnet der inf. praes. in den übrigen von Hrn. H. angeführten und von Stall- baum entlehnten Stellen die unvollendete, d. h. bloss angefan- gene und noch nicht zum Abschluss gebrachte Handlung. — Die alte Leseart eycjye di] hat Hr. H. gegen Bekkers lyco di] beibehalten, aber er ist mit sich selbst in Widerspruch, indem er in ys die restringirende Bedeutung verwirft, und den Aus- druck des Unwillens hineinlegt, und doch übersetzt: „Nun frei- lich dachte tch^ auch du seist dabei gewesen.^' Denn dieses betonte ick hatte ja eben eine restringirende Kraft, p. IT^ a. bei oTtTj xvxoiiiL wird Stallbaums üebersetzung getadelt, und doch stimmt mit dieser: temere, ubicunque casu versabar, ober- rans, Hrn. H.'s Erklärung iemere^ uhivtmque ver sarer ^ ober- raus überein. Hernach schreibt Hr. H. mit Bekker und Stall- baum d&ku6t8Qog r} „e codd. auctoritate." Sollte man da nicht
t2 Griechische Litteratar.
meinen, dasa alle Codd. ^ hätten^ In Ansehnng der Form selbst schreibt er nur die Bemerkung des Schol. hin, und ver- weist über den Unterschied zwischen i] und ojv nach Staub, auf Herrn. Praef. ad Soph. Oed. Tyr. p. VII. Ob aber der dort an- genommene aoristische Gebrauch von ^ hieher passt, und dass Hermann selbst seine Vermuthung in der Praef. ed. 3 zurück- genommen, und was Ern. Schneider in der Vorrede zu Plat. Civil, p. XXXXIII über diese Form bemerkt hat, oder wie gonst der Gebrauch derselben in Verhältniss zu 9J1; nach den Codd. sich darstellt, das alles wird nicht weiter berücksichtigt. Die Note zu den Worten r] y r« InivUia I^vbv wiederholt wie- der nur oberflächlich das Bekannte, und die Frage, ob Agathon bei der Aufführung seiner Tragödie selbst das Geschäft des Choregen besorgt habe, zu welcher Ausnahme von der gewöhn- lichen Sitte (vgl. Böckh Staatshaush. I S. 487 ff .) wir in dieser Stelle keinen Grund sehen, bleibt unberührt. Auch ist nicht erwähnt, dass die bessten Codd. ^' weglassen. Aber es war diess umso mehr zu erwähnen, da daraus die Frage entsteiit, ob nicht vielmehr y wegzulassen sei, und daran die bis jetzt noch wenig ins Klare gebrachte Untersuchung geknüpft werden konnte, ob nicht das relativ, nach ^' bei vorausgehenden Com- parativwörtern fehlen könne, ein Gebrauch, der nicht nur der Analogie nicht widerspricht, sondern auf welchen auch die Spuren der Codd. häufig führen. Zwar steht Criton. p. 44 a. ohne Variante t] fj äv eX&i] xo TtXolov ^ Syrap. p. 214 d. tov- vavtiov iört näv i] 6 'dXsyev, al.; vergleicht man aber andere Stellen, wo die Codd. zum Theil entweder vor r) das nothwen- dige 7] (cf. Symp. p. 189 c. dkh] ysTtrj ev vcp exa Xkyuv rj 7] 6v TS Xßl Ilavöttvlag sItcettjv. Phaedon. p. 112 d. KavravtLTCQv ^ elQQiL corr. ij cf. Wyttenb. p. 302 ed. Lips. Thuc. 1, 60. rsö- CciQaKoötfj T^iisga vötegov ?} (Poppo, Goeller ij) Ilotidaia anh- Cri]) oder das entbehrliche relat. weglassen (Phaedon. p. 112 d. KccTCöTEQO rj ETtrjvtKsito. Prot. p. 352 c. ccXV äzta TtgaztEiv ^ ij [ä] äv tJ 87tL0Tr]}i7] Hslbvt}. Phaedr. p. 275 a. tovvavtiov rj öv- vazcti, zu welcher Stelle jetzt Stallb. seine Aenderung Phileb. p. 35 a. zurücknimmt); vergleicht man endlich auch den ent- eprechenden latein. Sprachgebrauch: so ist es mehr als wahr- scheinlich, dass das relat. in diesem Falle nach r; wenigstens weggelassen werden konnte, wie es denn bei Dichtern entschie- den ist. cf. Soph. Ant. 1090. ib. Herrn. Der Gegenstand, der in den Gebrauch der Relativa tiefer eingreift, ist es werth, dass er in seinem ganzen Umfange untersucht, und mit gehö- riger Unterscheidung festgestellt werde. — Im Folgenden be- schuldigt Hr. H. Schleiermachern, die Worte rj aTJtög ^^cokqcc- rrjg; nicht richtig wiedergegeben zu haben durch: „etwa Sokra- tes selbsf^'^ und indem er selbst in diesem rJ nicht sowohl vim corrtgeTidi, ^\s probabilitatis üüdet ^ übersetzter: „am Ende
Flatonis Convivium ed. Hommel. 73
doch wohl Solcrates selbst 1^^ Die vim probabilitatis mag man nun wohl zugeben, denn wenn der Fragendevon einer allge- ineinen Frage zu einer specielleren übergeht, und jene durch diese näher bestimmt, so mag es wohl bisweilen der Fall sein, dass er den Inhalt der zweiten für wahrscheinlicher hält. Hätte aber Hr. H. nur einige Stellen mehr zu Rathe ziehen wollen, so würde er bald gefunden haben, dass dieses: „am Ende doch wohl" auf die wenigsten passt, wie denn auch in der Partikel selbst kein Grund dazu vorhanden ist. Dieser Sinn wird viel- mehr erst durch einen Zusatz wie ij d^ka öj), iJ dijXov ort er- reicht. Cf. Euthyphr. p. 4 b. Himd. not. crit. ad Äpol. S. p. XIV. — Die Worte ov fievrot dXXd xal wären wohl richtiger mit immo vero etiam, als mit nihilo minus tarnen verglichen worden, welchem sie apprime entsprechen sollen. Denn sie sagen aus, dass das Vorhergehende nicht sowohl ein Hinderniss des Fol- genden, und dieses daher unerwartet gekommen sei, als dass demselben, als dem minder Wichtigen ein zweites Wichtige- res an die Seite, und jenes dadurch zurückgestellt werde. Hernach hat Hr. H. so abgetheiit: ti ovv; e(pi], ov di7]Vi]6c) hol; indem er erklärt: „ut Graeci, ita nos: erzähltest du mir das nicht? quod ita dictum est, ut explicandum sit: scio te nolle narrare (*?), quare exorandus es mihi", und am Ende der Note hinzufügt, es könne, wie es scheine, in einer und der- selben Frage nicht zl ovv ov verbunden werden. Worauf grün- det sich aber diese Verrauthung? Wir sollten meinen, dass gerade solche Stellen, wie die unsrige, diese Verbindung be- wiesen, weil offenbar xl ovv; ov dn^yriöG) fiot; etwas ganz An- deres, hier völlig Sinnloses enthält, die Erinnerung nämlich oder die Voraussetzung, dass der andere es schon wirklich er- zählt habe; cf. Menex. extr. rt ovvj ovk dyaöai avt^v ; dass jene Verbindung aber Statt finde, beweisen auch Stellen, wie Menon. p. 92 d. rt öh ccvrcp ov öv acpgaöag; wo «vre? nicht die zweite Frage anfangen könnte. — Bei den Worten ai ovv d&Z aal v^lv 6i7]yi^öcc(jQ'aL^ tavtä (so) j(^Qri itoiüv* spricht sich Hr. H. über den Unterschied von ösZ und iq^ dahin aus, dass jenes eine Nothwendigkeit, dieses einen der Nothwendigkeit sich fü- genden Willen voluntatem necessitati inservientem bezeichne, und verweist desshalb auf Aesch. c. Tim. p. 29 mit der Erläute- rung: „Manifesto legislator declaravit, qui velle debeant corBim populo verba facere, et quibus orationem habere non liceat,''^ Auf diese Erklärung wird dann öfter zurückgewiesen (S. 50. 94. 217.), ohne dass gezeigt würde, wie dieses ,, Müssen wol- len*^ sich ungezwungen auf alle Stellen mit XQV^ ""^ zwar auch auf solche sich anwenden lasse, wo (wie p. 181 d.) gar kein persönliches Subject bei dem Verbo steht, und obgleich der Verf. S. 29 schon selbst wieder zugegeben hatte, dass der an- genommene Unterschied nicht überall bei Piaton bestätigt werde.
7-k Griechische Littcratur.
Wenn er aber dennoch denselben als entschieden betrachtet ia solchen Sätzen, >vo beide Vcrba zusammen vorkommen, so hätte ihn auch darüber wieder eine richtige Ansicht der oben erwähnten Stelle des Äeschiues zweifelhaft machen sollen, add. Xen. Symp. IV §. 47. tl re xqy} naX ri ov XQ^ noiüv, 48. a xi du y,cd ä ov ygi) tiolhv. Doch soll dies nicht so p^esagt sein, als wäre unsere Meinung, dass überhaupt gar kein Unterschied zwischen öd und yg)) Statt finde. — Mit guten Gründen ver- theidigt Hr. H. die auch schon in den neuern Ausgaben aufge- nommene Leseart yQ}]uatL6tLKav gegen ygi^^arLöTav. Leider aber ist dieses Gute wieder mit etwas Falschem versetzt. Denn wenn die an sich richtige Bemerkung, dass bisweilen Adjectiva mit Substant. verbunden werden, auch auf p. 221 b. angewen- det, und dort die Leseart Toi;g cplXovg ;ca6 xovg jtoXe^iovg in Schutz genommen wird, welche Hr. H. auch wirklich in den Text wieder aufgenommen hat; so war zu bedenken, einmal, dass ja eigentlich beide Wörter Adjectiva sind, zweitens, dass die meisten Codd. tpiUovg haben, und drittens, dass diese Form dort allein passt, weil ol (piXoi die Freunde, et cptAtot aber die Leute von der befreundeten Partei sind. So immer fpilia xcoQcc, (pL/.ia noXig. Cf. Lex. Xenoph. s. v. Freilich aber werden beide Wörter in den Codd. oft genug verwechselt. Cf. Xen. An. 1, 8, 14: Kalo Kvgog — xatE^scizo sxazBQOvg äno- %EV xovg xs 7Co?.Bpiiovg dnoßlincov xovg xa (piUovg. Plat. Me- nex. p. 243 c. viZYiCavx^g ^sv xovg noXB^lovgj Xvcdy^ivoi öe xovg (pikiovg. de rep. III. p. 414 b. al.
Am Ende des Buchs stehn zwei Indices, welche die in den Anmerkungen behandelten Wörter und Gegenstände nachweisen. Papier und Druck sind schön, letzterer aber nicht durchaus gut, weil er durch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Druckfeh- lern entstellt wird. Uebrigens ist das Buch durch ein Titel- kupfer verziert, welches die drei Köpfe des Sokrates, des Sa- tyr und des Silen darstellt, die erstem beide nach einem Mar- mor im Museum zu Berlin, der letztere nach einer Antike in Rom.
Schliesslich müssen wir auch noch mit einem Worte derLati- nität gedenken, welche an gar mancherlei Verstössen nicht nur ge- gen dieReinheit, sondern auch gegen die Correctheit leidet. Aus- ser offenbaren Flüchtigkeiten, wie adhortatus ah Eryximacho^. XLV.u. lucri im passiven Sinne p. 326, non nisi ea de caussa, — quam ut p. 325, u. vielfachen Fehlern wider den richtigen Gebrauch der Tempora, kommen auch Ausdrücke vor, wie motnentaneae actiones p. 7, ex objectivilate p. 16, conlactus materialis p. 32, sibi non obtemperare^ sich nicht enthalten p. 33, verba ea^cu- sabt'liora p. 58, majoris aestimandam p. 78, haud scio annoii st. vielleicht, haud scio an st. schwerlich p. 406 u. s. w. Anderes der Art, wie: Ea num proferri per telicent? p.XLV. quos quo-
EllcnJt's Lehrbuch der Geschichte. 75
niain iioii noro, mihi — dicendura e;d p.XL. Hos amatores lex* Atheniöiisis cxamiiiare vult, atque boiiis favere, iiialos exter- minare p.XXVIl etc. wollen wir gern in das Register der Druck- fehler schreiben.
Vorstellende Recension lag eben zur Absendung an die Re- daction der Jahrbb. bereit, als dem Rec. durch den Allgeni. Anz. d. D. die Nachriclit zukam, dass Dr. Ilommel am 22. Dec. v.J. zu Kloster -Rossleben verstorben sei. So sehr ich den iriihen Tod des in seinem Kreise geschätzten jungen Mannes bedaure, so glaubte icli doch nicht, dass die Riicksicht auf den Todteii das üekcnntniss der Wahrheit in wissenschaftlichen Dingen zu- rückhalten dürfe, und gebe daher die Recension, wiesle ur- sprünglich abgefasst war,
Rudolstadt. Sommer,
Lehrbuch der Geschichte für die obern Classen der Gym- nasien, von Dr. Friedrich Ellendt, ausserordentl. Professor der alten Litteratur an der kgl. Universität und Oberlehrer am Stadtgyninas. zu Königsberg. Zweite , vielfach verbesserte und zum Theil um- gearbeitete Auflage. Königsberg, Gebr. Bornträger 1834. XIV. u. 624 S. (1 Rth. 10 Sgr.)
Das Erscheinen eines für jeden Freund der Geschichte überhaupt und Lehrer derselben ins besondere höclist beach- tenswerthen Werkes in einer neuen, veränderten Gestalt, ist für Recensenten, der dasselbe theils beim eignen Studium, theiis beim Privatunterrichte immer mit besonderer Liebe be- nutzt hat, eine Aufforderung, seine Ansicht über den Werth und die vorzügliche Brauchbarkeit desselben bekannt zu ma- chen, besonders da diesem Buche noch nicht die Anerkennung geworden ist, die es verdient.
Dass für den Geschichtsunterricht auf Schulen die Be- nutzung eines Lehrbuchs am zweckmässigsten und namentlich der zeittödtenden Methode des Diktirens weit vorzuziehen sei, ist jetzt wohl ziemlich allgemein anerkannt, und oft mag nur der Mangel eines passenden Lehrbuchs an der Einführung die- ser Art des Unterrichts hinderlich gewesen sein, auf die auch neuerlich ein hoher Ministerialbefehl dieses Jahres dringt. Auch der Verf. vorliegenden, vor 7 Jahren zum ersten Male erchienenen Buches wurde durch obigen Mangel zur Herausgabe desselben veranlasst; doch tritt das seinige unter den Bü- chern ähnlichen Zweckes und Ursprungs grossartig hervor, und kündigt sich gleich beim ersten fjeberblicke als Schöpfung eines denkenden, geistreichen und einsichtsvollen Mannes an. Längere Beschäftigung damit führt eine klarere Anschauung der Vorzüge desselben herbei , lehrt aber auch einige Mängel
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'76 Geschichte.
ilesselben kennen, die hier oni so weniger übergangen werden dürfen, da sie grössteutheils nur Einzelheiten betreffen, ohne dem Werthe des Buchs als Ganzen Abbruch zu thun, und einer sehr leichten Verbesserung fähig sind.
Die Lehrbücher der Geschichte lassen §ich nach der Art ihrer Abfassung in zwei Classen sondern. Entweder bestehii sie in abgebrochenen Sätzen, zum Theil in blossen Naraen und Jahreszahlen, ohne Zusammenhang, die erst der Vortrag des Lehrers zu einem Ganzen zu vereinigen hat, oder sie geben die Geschichte in zusammenhängender Erzählung. Vorliegendes Lehrbuch gehört zu der zweiten Classe, die nach der Ansicht des Rec. entschiedenen Vorzug verdient. Denn das historische Wissen der Schüler entbehrt bei der Benutzung eines Leitfadens der ersteren Art leicht des gehörigen Zusammenhangs; die Bücher, welche zur Herstellung der zusammenhängenden Er- zählung von ihnen nach dem Vortrage in der Schule anzulegen sind, bestehn gewöhulich aus eben so onzusammenhängenden Nachrichten, werden nicht ordentlich geführt, und als nutzloser Kram zerstreut , so hat der Schüler nach einiger Zeit nichts, woran er seine Wiederholung anknüpfen kann, als diese sibyl- linischen Blätter, wenn es ihm an Zeit und Lust fehlt, grös- sere historische Werke nachzulesen. Somit wird selbst dem Fleissigen sein Studium erschwert, während ein zweckmässig eingerichtetes Lehrbuch selbst den Trägen wider seinen Willen weiter bringen muss. Wollte man nach der Anleitung des Leit- fadens und Vortrages die Geschichte im Zusammenhange zu Hause ausarbeiten lassen, so würde, abgerechnet die sich noth- wendig einschleichenden Fehler, dazu weit mehr Zeit erfor- dert werden, als nach dem gewöhnlichen Unterrichtsplan von den Schülern auf die Geschichte verwandt werden kann. Allen diesen Uebelständen wird durch ein Buch begegnet, das zusammen- hängend erzählt. Nur mit Unrecht kann dagegen eingewendet werden (diesen Widerspruch hat das des Hrn. E. erfahren), dass dadurch dem Vortrage des Lehrers schon aller Reiz genommen, und die Aufmerksamkeit des Schülers, der das, was er hören soll, schon vor sich liegen habe, schwer zu fesseln sei. Ein geschickter Lehrer wird aus dieser Vollständigkeit des Leitfa- dens nur Vortheil ziehn. Ihm wird es erwünscht sein, den Schüler, denselben in der] Hand, immer auf sicherer Grundlage zu wissen, nnd ein leichteres Mittel zur Controlle des häusli- chen Fleisses zu besitzen; und ihm wird es leicht werden, sei- nen Unterricht in anderer Hinsicht anziehend zu machen ; er wird neben einer lichtvollen Uebersicbt über das Ganze, die er bald in kleineren, bald in grösseren Umrissen geben, bald an das Lehrbuch anknüpfen, bald freier vortragen kann, neben häufigem Repetiren und Zusammenfassen grösserer Massen, be- conders noch zwei Anforderungen an den Geschichtsunterricht
Ellendt's LehrLuch der Geschiclite, 7'«
ZU genügen mehr Gelegenheit haben, als wenn tIcI kosthare Zeit bei dem Nachschreiben verloren geht, nehrnlich der Her- vorhebung des Einzelnen aus dem Ganzen, der Zeichnung ein- zelner bedeutenderer Begebenheiten und Personen in mehr aus- geführten Bildern, wodurch die Geschichte auch für die, welche ernstern historischen Studien abgeneigt sind, ungemeinen Reiz gewinnt, und dann der Anknüpfung der Geschichte an das Le- ben, wodurch sie erst interressant und lehrreich wird, wodurch die Vergangenheit ihre todte Farbe verliert und lebendigen Heiz erhält, und die Gegenwart klarer und bedeutungsvoller hervortritt. Wenn das hier Aufgezählte die Hauptaufgabe des historischen Unterrichts ist, und in deren Erreichung ein unaus- sprechlicher Vorzug desselben vor jedemPrivatstudium liegt, muss ^s da nicht sehr zu wünschen sein , dass dem Lehrer so viel Zeit als möglich dazu bleibe? Was kann daher zweckmässiger sein, als die zusammenhängende Erzählung eines solchen Lehrbuchs? Freilich ist dieAufgabedesseibennichtleicht. Um den Umfang €ines Schulbuchs nicht zu überschreiten, muss die Darstellung in höchster Gedrängtheit gehalten werden, und prägnante Kürze statt finden ohne Undeutlichkeit^ alles muss an sich befriedi- gend und verständlich sein um sich doch leicht, ohne Hinein- tragung ganz neuer Grundzüge, zu einem Bilde von grösserem Umfange ausführen lassen, eine Schwierigkeit, der die meisten Versuche dieser Art erlegen sind, und die der Verfasser auf eine meisterhafte Art überwunden hat. Die gedrängte und doch lichtvolle Darstellung , das in wenigen Worten scharf ausge- drückte Urtheil, die fesselnde und Herz und Verstand anre- • gende Charakteristik der einzelnen Personen und Begebenhei- ten , der stets richtig festgehaltene und einsichtsvoll ausge- sprochene innere Zusammenhang der Ereignisse, der Geist, der das ganze Buch durchdringt, drückt demselben den Stempel eines vorzüglichen Werthes auf. Dabei ist der Verf. nicht mit eigenthümlichen Ansichten aufgetreten, das Buch ist nicht wie im Geiste einer Schule abgefasst, was fiir einen andern Lehrer hinderlich und peinlich sein würde. Ein Lehrbuch, für den Ge- hrauch vieler Schulen bestimmt, darf nicht das Werk eigner Forschungen und neuer Hypothesen, wohl aber einer eigen- thümlichen geistigen Auffassung sein, und alle diese Anforde- rungen findet man hier in hohem Grade befriedigt. Man lese seine Schilderung Abrahams und Moses, die Schlacht bei Sa- lamis, die Darstellung der Zeit des Pericies, den Marsischen Krieg, die Auffassung des Christenthums in den kulturge- schichtlichen Ergebnissen zur alten Geschichte, die wenigen Worte über Julian, seinen Gregor VII, Gottfried von Bouillon, Mohammed, Saladin, Ludwig IX, die Einleitung zur neuen Ge- schichte, die Keformationsgeschichte, seinen Friedrich IL von Preussen u.s. w.
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Durch diese neue Ausgabe hat das Buch noch ausserordent- lich viel gewonnen. Bei einer Vergleichung mit der altern zeigen sich viele Verbesserungen in einzelnen Angaben und Änsdrük- ken , vortheilhafte Veränderungen in der Anordnung und Dar- stellung, Ergänzung des Fehlenden, Weglassung manches Üe- berflüssigen. Auch das hinzugekommene Inhaltsverzeichniss wird sehr willkommen sein. Von manchen wesentlichen Zu- sätzen wird unten die Rede sein. Einer am Schlüsse des 68. §. der neuen Geschichte, nach Beendigung des Krieges zwischen Preussen und Napoleon , mag hier zugleich als Probe der Schreibart Hrn. E. seine Stelle finden. Nachdem vom Conti- nentalsystem die Rede gewesen ist, fährt der Verf. also fort: ■'■
,,Der vollste Ausbruch des Hasses in der gewaltsamste^ Bedrückung traf Preussen. Lange hatten französische Trup- pen die Hauptstadt und die meisten Provinzen inne, und selbst nach der Deckung der Ungeheuern Kriegssteuern blieben Stettin, Küstrin und Glogau sämmtliche Friedensjahre hindurch von Franzosen besetzt, welche vom Lande verpflegt werden muss- ten. Aber dieser Druck diente nur zur Anregung einer unge- ahnten Schnellkraft in dem Fürsten und in seinen Rathgebern wie im Volke. Man erkannte, dass die erlittenen Unfälle eine Folge unzeitigen Haltens an den Kriegs- und Regierungsweisen eines entschwundenen Jahrhunderts seien, und der edelste Kö- nig, berathen durch Stein (nachher durch Kardenberg), und Scharnhorst schuf den preussischen Staat durch Aufbau auf an- dern Grundfesten ganz neu. Eine einsichtsvolle Heerverfassung näherte den Bürger und den Kriegsmann einander und gewährte unbemerkt eine zahlreiche geübte Mannschaft. Die Erbunter- thänigkeit der Bauern wurde aufgehoben (9. Oct. 1807), die Frohndienste für ablösbar erklärt, die Städte durch die Städte- ordnung (19. Nov. 1808) mündig gesprochen, die Gewerbe von dem Zwange des Zunftwesens befreit, das gesammte ünter- richtawesen neu geschaffen (Universität zu Berlin 1810) und dem ganzen Organismus der Verwaltung eine passendere Ge- stalt gegeben. Die grossen Jahre des Befreiungskrieges ha- ben die Probe der Zweckmässigkeit dieser Verbesserungen geliefert.*'
Welche edle, ruhige und für Lehrer und Schüler anre- gende Darstellung!
Bei der genauem Beurtheilung dieses Buches ist immer der Standpunkt festzuhalten, aus dem es geschrieben ist. Es ist für die obern Gymnasialclassen bestimmt, setzt also nach dem historischen Unterrichtsplan, den der Verfasser in der Vorrede selbst vorlegt, schon eine, wenn auch nur äusserlich gehaltene, übersichtliche Kenntnisa der ganzen Geschichte bei den Schü- lern voraus. Hiernach hat sich die Anordnung, die Auswahl des Stoffes so wie die ganze Darstellung richten müssen.
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Was zuerst die Anordnung betrifft, so ist gegen diese, oV wohl sie von der gewöhnlichen etwas abweicht, nichts beson deres einzuwenden. Hr. E. giebt erst in wenigen Worten die Vorbegrift'e zur Geschichte, deren weitere Ausführung billig dem einzelnen Lehrer überlassen bleibt. Unter den Hülfswis- senschaften der Geschichte, die hier auch aufgezählt werden, wird die Archäologie verraisst; wahrscheinlich betrachtet der Verf. sie als Theil der Geschichte selbst. Zu wünschen wäre es gewiss, dass hier, wie in jedem andern geschichtlichen Leit- faden , die historische Chronologie, namentlich die wichtigsten Aeren, näher beleuchtet wären. Dann folgt die alte Geschichte, in zwei Perioden eingetheiit, historisch unsicheres Zeitalter, die Urzeit und die Geschichte der Asiatischen, Afrikanischen und Europäischen Völker bis zum Jahre 500 v. C. enthaltend, pag. 2 — 66, (neu hinzugekommen ist der kurze §. 4, die Chi- nesen nnd Indier) und historisches Zeitalter bis zum Anfange der Völkerwanderung, pag. 67 — 156. Denn mit dieser be- ginnt die Geschichte des Mittelalters, in der also gleich von Anfang an die deutschen Völker den Mittelpunkt bilden. Die Rom. Gesch. wird dadurch vielleicht auf eine etwas unnatürliche Art abgebrochen, die Darstellung des Mittelalters kann da- durch nur gewinnen. Den Schluss der alten Geschichte machen die kulturgeschichtlichen Ergebnisse der alten Zeit, p. 156 — 188, ein sehr werthvoUer Zusatz der neuen Ausgabe, der in folgenden Abschnitten: Allgemeiner Charakter der alten Völ- ker und ihrer RoUe in der Geschichte, Staatsleben des Alter- thums und dessen Entartung, Hausstand, Sitte und Privatleben, Gewerbe. Wohlstand^ Religionszustand, schöne redende Kün- ste; Poesie, Musik, Orchestik der Griechen, Römische Poesie, Beredsamkeit, Sophistlk, Geschichtsschreibung, Gelehrsam- keit und Baukunst, Bildnerei, Malerei ein treues Bild vom po- Jitischen, sittlichen und geistigen Leben dieser Völker enthält, während sich in der altern Ausgabe nur eine Litteraturge- schichte, in verschiedene Zeiträume vertheilt,. vorfindet. Die- ser Abschnitt scheint besonders nach der Ansicht des Verfassers eingerichtet, der für Prima als einen Theil des 2jährigen Cur- sus ein Gesammtbild der alten Welt und ihrer Cultur bestimmt (Vorrede p. VHI). Wie passend ist derselbe auch, um dem neuen Prüfungsedikt des preussischen Ministeriums für die zur Universität abgehenden Schüler, zu genügen! Bei den einzelnen Ländern giebt der Verf. auch die Geographie, aber nicht be- friedigend, wenigstens nicht consequent genug. Gewöhnlich ist es nur der Entwarf eines Bildes von dem Lande, nnd dieses ist meisterhaft ausgeführt; bei Italien steht eine vollständigere Geographie, wie in einem geographischen Leitfaden, wollte man denselben Maassstab an Griechenland und die übrigen Län- der anlegen, so würde man hier vieles vermissen. Spanien,
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Gallien, Germanien u. a. fehlen ganz. Gewiss wäre in einem Lelirbucbe der Geschichte, um den Schülern eine doppelte Ausgabe zu ersparen, die Geographie der alten Welt sehr wünschenswertb. Gegen die Anordnung in einzelnen Punkten dürfte zuweilen etwas zu erinnern sein. So ist in der altera Griechischen Geschichte mehreres, was zusammengehört, in den beiden Abschnitten, §. 14 Verfassungen und deren Umbildung und §. 18 Uebrige Staaten (§. 16 und 17 enthalten Sparta und Athen) getrennt vorgetragen. Der Verf. hätte in ersterem mehr beim Allgemeinen bleiben und die Schicksale der einzelnen Staaten erst im letzteren anführen sollen. Die Griechischen Colonien dürften vielleicht passender nach den Mutterstaaten, als nach dem Orte ihrer Ausführung geordnet werden. Sehr passend sind §. 13 die Griechischen Heldensagen vorgetragen, getrennt von der eigentlichen historischen Grundlage, die der 12te §, Land und Volk. Aelteste wahrscheinliche Thatsachea der Geschichte enthält. Nur hätte der Aeolische Sagenkreis (Admetus, Meleager, Bellerophon u. a.) nicht fehlen dürfen. Aletes war p. 37 bei der Vertheilung des Peloponneses unter die Herakliden nicht erst p. 40 zu erwähnen. Die spätere Persi- sche Geschichte ist dadurch, dass sie der Griechischen voraus- geht, oft dunkel.
Die mittlere Geschichte, p. 191 — 394, ist nach den Jahren 600, 888, 1100, 1300 und 1500 in 5 Perioden abgetheilt. Au jede schliesst sich die Culturgeschichte, nicht bloss eine Nach- weisung der litterarischen Erzeugnisse, sondern auch eine Ge- schichte des Fortschreitens im Staatsleben. Der Anfang des Angelsächsischen Reichs hätte wohl in der ersten und nicht erst in der dritten Periode vorkommen sollen. Viele wesent- liche Zusätze der neuen Ausgabe finden sich bei der Geschichte Deutschlands, namentlich die einleitenden Worte über die ein- zelnen Theile desselben beim Beginne mehrerer Perioden, z.B. p. 272 und 350. Warum werden p. 268, wo es heisst: „Nach dem Abgange der Carolinger ward die Zerstückelung Deutschlands in sechs Herzogthüraer nur durch die Geistlich- keit und die Furcht vor den Ungarn gehinderf"' die bekannten Ilauptvölker nicht genannt 1 Sehr gut würde sich pag. 350 da- ran anschüessen.
Die neue Geschichte, bei der der Verf. gleich in der Ein- leitung die Asiatischen Reiche, Persien, Indien, China, ganz kurz behandelt, zerfällt nach den Jahren 1660 und 1786 in 3 Perioden. Doch sind die Begebenheiten der beiden ersten Pe- rioden nach zwei Zeitabschnitten, 1500 — 1618, 1618 — 1660, u. 1660 — 1740 u. 1740 — 1786 vorgetragen. Die Behandlung ist hier natürlich mehr synchronistisch, als in der mittlem Ge- schichte, doch folgen auf die grössern und allgemeinem Welt- begebenheiteii auch diu Ereignisse In den einzelnen Länderu
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mit einsichtsvoller Auswahl ohne Wiederholung oder ündeut- lichkeit. Den Schluss eines jeden Zeitabschnitts machen die Entdeckungen der Europäer in den fremden Erdtheilen und das Coionialwesen. Um sich darin consequent zu bleiben, hat der Verf. auch die Entdeckung von Amerika und die gleichzeitigen Begebenlieiten erst am Ende des ersten Abschnittes behandelt, obwohl diese Begebenheiten, als ein für die neue Gescliichte höchst wichtiges Moment, zu Anfang derselben hingehören. Die dritte Periode schliesst in dieser Ausgabe erst mit der Ge- schichte unserer Tage, indem zudem Abschnitte: die Befrei- ungskriege von 1813, 14, 15 noch zwei neue: §. 71. üebersicht der Ilauptbegebeflheiteii seit 1815 und §. 72. Amerika, die Co- lonien von Portugal und Spanien getrennt, hinzugekommen sind. Die Culturgeschichte für. die neue Zeit ist nur zweimal, am Schlüsse der ersten Periode und am Schlüsse des Buchs (für die Jahre von 1G60 bis jetzt) vorgetragen und sehr gut durch- geführt. Es konnten nur die Endresultate der Entwickelung der Staaten und Völker, angegeben werden, und bei der Menge des Stoffes war die Geschichte der einzelnen Wissenschaften, na- raentlich die Litteraturgesch. einer specieileren Behandlungin an- dern Lehrstunden anzuweisen. Unter den Philosophen vermisst man neben Fichte und Schelling ungern Hegel und Herbart, unter den Bildhauern Canova, unter den Englischen Dichtern Milton. Bei Corneille p. 486 hätten auch Racine und Moliere erwähnt werden und diese nicht erst p. 613 folgen sollen.
Gegen die Auswahl des Stoffes möchte manches zu erin- nern sein. Es ist eine falsche Consequenz, von jedem Lande gleichmässig viel zu erzählen, das Wichtigere muss auf Kosten des Unwichtigeren weit mehr hervorgehoben werden, und ohne Zweifel ist es ein Grund der häufigen geringen historischen Kenntnisse der jetzigen Jugend, dass man sie, statt auf dem Hauptschauplatze unter den grossartigen Erscheinungen zu ver- weilen, in allen abgelegenen Winkeln umhersclilcppt. So ist auch der Verf. in Einzelnheiten viel zu weitläuftig , und nennt besonders viel zu viel unbedeutende Namen. Zu entscliuldigen 8i«d vielleicht die vielen Römischen Feldherren, die er nament- lich macht., das Buch kann dadurch ein Leitfaden bei der Lek- türe der Römischen Historiker werden. Im Mittelalter hätte gewiss der 4te Theil der Namen wegbleiben können, und Schlosser nicht so sehr zum Muster genommen werden sollen. Von Waraka, der unter den ersten Anhängern des Propheten genannt wird (er war übrigens nicht Mohammeds, sondern Kha- didschas Vetter), sagte dem Rec. kürzlich ein grosser Kenner des Morgenlandes , dass er ihm ganz neu sei. Diess ist nur ein Beispiel von sehr vielen. Was sollen die vielen Westgothi- schen Könige (der Untergang des Reichs ist dabei weder p. 228 noch p. 238 deutlich ausgedrückt), alle jene Griechischen Kai-
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•er, die p. 28S aufgezrhiten Historiker, die Russischen Gross- lürsten ^or der Mou^olisclieii Eroberung p. 338 n. a. In der reuen Geschichte stehn last bei allen Jaiireszahlen auch die 7 age dabei, was freilicli bei geringem Raumaufwand manches Gute hat; dass sie alle von den Schülerir gemerkt werden sol- hn, kann wohl nicht die Absicht dabei gewesen sein.
Nach dem eben Gesagten wird es auffallen, dass an dem Buche in andern Fällen aucii eine zu grosse Kiirze, sowohl in der Auswahl des Stolfes als der Darstellung gerügt werden rauss. Mit Recht möiien Nebenumstände übergangen und der Erzäh- lung des Lehrers überlassen werden. Aber das Folgende dürfte ■wohl nicht dazu zu zählen sein. Bei den Indiern ist mit keiner- Sylbe ilirer Sprache, der Vedas, der merkwürdigen Gebäude* erwähnt, bei den Aegyptern sind nicht Pyramiden und Obells-- ken, die Memnonssäule, nicht ihre Götter namentlich gemacht/ Von den grossartigsten Ueberresten einer verschwundenen "Welt sollen die Schüler nichts erfahren*? Unter den Colonien von Phönicien ist Cyprus ausgelassen, unter den Corinthischen Corcvra, die Colonien auf Chalcidice werden auch vermisst. Bei der iragüchen Belagerung und Eroberung von Tyrus p. 15 durfte Nebukadnezar nicht fehlen. Vom Handel der Juden und Ophir steht gar nichts. Der Aethiopier wird weder bei Aegypten noch bei IMeron gedacht. Die Orakel bei den Grie- chen sind p. 43 mit 4 Worten behandelt, beim Araphiktionen- bunde (Herr E. schreibt in dieser Ausgabe immer Amphiktionen- bund) vi'ird Delphi nicht genug hervorgehoben. Von den beiden ersten R] essenischen Kriegen stehn nur die Jahreszahlen, und doch spielen diese einmal nicht eine ganz unbedeutende histo- rische Roüe, der dritte wird p. 77 nicht namentlich gemacht, bei der y^gcvöla fehlt die Anzahl der Mitglieder. In der altera Römischen Geschichte war p. 62 hinzuzusetzen comitia curiata, die centuriata steint p. 64 und die tributa p. 108; auch sind die grossen Bauwerke der Könige zu kurz abgefertigt, so wie die Sophienkirche unter Justinian nicht einmal namentlich gemacht wird. In der Griechischen Geschichte wird vermisst die Er- oberung von Salamis durch Solon, der erste heilige Krieg, der Ostracismus, die Verbrennung von Sardes, unter den Bundes- genossen Athens im Pelop. Kriege Platää